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Einmal alles anders in 72 Stunden, bitte!

 

Kaum zu glauben, vor kaum einer Woche waren wir noch auf einem anderen Kontinent und vor zwei Wochen bestand unser größtes Problem darin, dass wir im übervölkertem Florida keine erschwinglichen Übernachtungsmöglichkeiten finden konnten...

 

Rückblickend sind wir heilfroh, nicht mehr in den USA zu sein und sind uns sicher, dass die Entscheidung zurückzukehren die richtige war. Zu viel ist in der Zwischenzeit passiert und in diesen Tagen sind nicht diejenigen die Helden, die weiterreisen, sondern die, die zu Hause bleiben und so nicht nur sich selbst , sondern auch andere schützen. In letzter Konsequenz geht es hier schließlich darum Menschenleben zu retten.

 

Unsere letzten Beiträge waren eine Aneinanderreihung von Erlebnissen, Gefühlen und Entscheidungen, die nahezu in Echtzeit veröffentlicht wurden. Damit aus den Dingen, die wir in den letzten zwei Wochen erlebt haben, eine schlüssige Geschichte wird, fangen wir noch einmal dort an, wo die weltweiten Ereignisse anfingen unsere Reise zu verändern:

 

Die Ausbreitung von COVID-19 war uns nicht gänzlich unbekannt, schließlich lasen wir in den Medien von der Ausbreitung im fernen China und später auch in Europa. So richtig ernst nehmen wollten wir es natürlich nicht, denn würden wir uns als Reisende über alles sorgen, was in der Welt so passiert würden wir wohl schon daran zugrunde gehen. Anfang März, in Baton Rouge am Missisippi, wunderten wir uns dann doch über eine Reinigungskraft in unserem Motel, die mit Mundschutz herumlief. Paranoide Menschen gibt es überall, dachten wir uns und auch sonst war von einer Viruspandemie nichts weiter zu spüren. Etwa eine Woche später, auf der Durchreise in Alabama, staunten wir nicht schlecht, als wir bei Starbucks unseren Kaffee nicht mehr wie gewohnt in Keramiktassen, sondern ausschließlich in Pappbechern erhielten. Der Grund: Corona! Für uns war es trotzdem unverständlich, da auf den Toiletten hingegen weder Desinfektion noch Handtücher vorhanden waren. Wir überlegten sogar, ob die Wegwerfgesellschaft USA nicht insgeheim einen Weg gesucht haben könnte, ganz auf Keramiktassen zu verzichten, da man ohnehin fast schon darum betteln musste, seinen Kaffee nicht im Einmalbecher zu erhalten.

 

Doch so langsam wurde uns klar, dass dieses Virus auch in unserer heilen Reisewelt eine Rolle spielen wird. Zwar verbrachten wir weiterhin unbesorgte Tage am Strand und im Hinterland, doch wir achteten zunehmend auf Handhygiene und überlegten, was wir wohl täten, wenn wir krank werden würden.

 

Eine Meldung vom 12. März trug das vorher noch soweit weg erscheinende Virus plötzlich ganz nahe an uns heran: Ab sofort durften keine Europäer mehr in die USA einreisen! Das da noch mehr kommen würde war uns schon sehr schnell klar...

 

Zwangsläufig würden die USA irgendwann die gleichen Maßnahmen wie die Europäer treffen. Reiseverbote, Ausgangssperren und Ladenschließungen würden den Süden Floridas für uns sehr schnell zu einer Sackgasse machen, zumal auch zu diesem Zeitpunkt viele Erkrankungen aus dem Großraum Miami gemeldet wurden. Der Entschluss, nach Norden zu fahren, gab uns zunächst einmal Zeit, einen Plan B zu entwerfen.

 

Wenn alle Stricke reißen würden, fahren wir eben nach Kanada! So oder so ähnlich kam uns der erste Gedanke. Dass die USA keine Option darstellten, war uns beiden sehr schnell klar, denn in einem Land, in dem niemand, den wir trafen das Virus ernst zu nehmen schien und in dem noch dazu jeder frei über eine Schusswaffe verfügen darf, wollten wir uns nicht länger als notwendig aufhalten. Viele Telefonate nach Deutschland und unzählige E-Mails mit unseren Freunden aus Kanada später verabschiedeten wir uns jedoch schnell wieder von dieser Idee. Zu schwierig wäre es geworden, unzählige Kilometer durch die USA, hinein in den kanadischen Winter und dort angekommen hätten wir, sofern sie uns in ihr Land gelassen hätten, sofort für zwei Wochen in Quarantäne gemusst. Spätestens als Kanada am nächsten Tag die Grenze zu den USA dicht gemacht hatte, war uns klar, dass es für uns nur einen Weg geben würde – den Rückweg nach Deutschland.

 

Doch auch dieser Weg war alles andere als einfach, schließlich konnten wir unsere treuen roten Begleiter nicht einfach als Sperrgepäck mit ins Flugzeug nehmen. Nach unserem Kenntnisstand wäre die einzige Möglichkeit eine Verschiffung ab Halifax / Kanada gewesen. Unser Freund Rüdiger brachte uns auf die Idee, eine Verschiffungsagentin aus Brunswick, die schon seinen Landrover im Januar erfolgreich nach Deutschland verschifft hatte, zu kontaktieren. Wir könnten es zumindest versuchen, dachten wir, etwas anderes bleibt uns nicht übrig.

 

All diese Entscheidungen und organisatorischen Hindernisläufe erledigten wir im Aufenthaltsraum unseres Campingplatzes in Inland von Nordflorida. Zwischen munter tutenden Flipperautomaten und Videospielautomaten vergangener Jahrzehnte war es enorm schwer sich zu konzentrieren, zumal dieser Ort gut besucht war und die laut grölenden Kinder und Erwachsenen uns gehörig auf die Nerven gingen. Auch schien es hier niemanden, aber auch wirklich niemanden zu interessieren, was da gerade in der Welt vor sich geht. Einer unserer Zeltnachbarn gab uns, nachdem er uns zwei Dosen Bier geschenkt hatte, demonstrativ die Hand und beteuerte, dass er kein Virus in sich trüge und das ohnehin höchstens ein Schnupfen sei. All das machte es nicht leichter, denn in allem was wir taten ging es um nichts weniger als das vorzeitige Ende unserer Nordamerikareise, die ja ursprünglich als Reise nach Nord- und Südamerika gedacht gewesen war. Wie schnell sich das Blatt erneut wendete und man Spielball von ungeahnten Gewalten werden würde, ahnten wir nicht und sicherlich auch die meisten anderen Menschen nicht, die uns umgaben.

 

Dennoch ging auch unser ganz normales Reiseleben weiter, will heißen, dass wir Essen benötigten und dringend wieder unsere Kleidung waschen mussten. Im etwa 40 km entfernten Lake City waren die Straßen zwar ungewohnt leer, der Waschsalon aber umso voller. Auch im Supermarkt (Aldi, zum zweiten Mal auf unserer Reise) war, bis auf leere Klopapierregale, alles noch in Bester Ordnung. Wir jedenfalls ließen es nochmal richtig krachen: deutsches Bier, Schokolade, Käse, Obst, Müsliriegel und von allem nur das Beste. Wenn schon zurück nach Deutschland, dann nicht mit leerem Magen. Auch deckten wir uns mit Müsliriegeln und Reis ein, damit wir notfalls noch irgendwo für ein paar Tage hätten ausharren können.

 

Zurück auf dem Campingplatz hieß es dann warten. Warten auf eine Antwort der Verschiffungsagentin. Warten auf die Information, ob eine Verschiffung klappen könnte. Warten auf Neuigkeiten zur weltweiten Lage, die sich stündlich zu verändern schien.

 

Ein kleiner Lichtblick waren jedoch Joanna und Colin. Die beiden sprachen uns eines Abends an und machten uns ziemlich schnell deutlich, wie ihre politische Einstellung ist (weltoffen und komplett anders als die der sonstigen Menschen, denen wir hier begegneten). Die beiden waren gerade auf der Rückreise aus ihrem Floridaurlaub und boten an, dass wir auch bei ihnen in Ashville, in North Carolina, unterkommen könnten. Sie nahmen die Situation sehr ernst und zeigten wenig Vertrauen in die gegenwärtige Regierung. Wir waren gerührt von so viel Gastfreundschaft und wie es der Zufall will, lag Ashville ohnehin auf unserer ursprünglich geplanten Route. Trotzdem konnten wir uns diesen Umweg nicht leisten. Wir mussten weg und zwar so schnell wie möglich! Mit verworrenen Gedanken, die sich nicht in Worte fassen ließen, schliefen wir ein.

 

Am nächsten Tag kam dann die erlösende Nachricht von unserer Verschiffungsagentin: Letzte Abgabemöglichkeit für die Motorräder am Hafen in Brunswick sei der 18.03. um 16:00 Uhr. Wir erhielten die Mail am 17.03. um 17:00 Uhr, somit blieben uns noch 23 Stunden, um die Motorräder im 250 km entfernten Brunswick abzugeben. 23 Stunden, um zu packen, auszusortieren, einzuräumen, um Koffer zu kaufen, diese zu wiegen und – am meisten – Abschied zu nehmen... Abschied von den Motorrädern, vom Land und von unserer Reise. Sofort fingen wir an, alles einzupacken, aufzuladen, ein Zimmer in Brunswick zu buchen und tatsächlich brachen wir, schneller als uns lieb war, mit den letzten Sonnenstrahlen des Tages auf nach Brunswick. Und das sollte sie gewesen sein, die letzte Fahrt mit unseren beladenen Motorrädern? Wir waren uns sicher, wir genießen das jetzt! Also Lieblingsmusik rein (vorzüglich Metal) und Vollgas, was die Kisten hergeben. Wenn also zufällig irgendwann ein Video von zwei kleinen überladenen Hondas auftauchen, die mitten in der Nacht mit 120 km/h hupend über einen amerikanischen Highway brettern und deren Fahrer dabei headbangen, könnt ihr sicher sein, das wir das waren. Übrigens waren wir nicht alleine auf dem Highway in Richtung Norden, denn scheinbar leisteten uns sämliche Nordstaatenbewohner und Kanadier Gesellschaft, die den Winter eigentlich im Süden verbringen wollten. Die Kennzeichen der uns überholenden Fahrzeuge zeugten von Orten wie Québec, Ontario, New Jersey, Maine, New York und so weiter.

 

Wie auf der Hinfahrt durften auch diesmal nur die Motorräder, nicht aber unser Gepäck mit auf das Schiff. Um, wie auf dem Hinweg, nach gebrauchten Koffern vom Sperrmüll Ausschau zu halten reichte unsere Zeit natürlich nicht und so steuerten wir den nächsten Walmart an und kauften die zwei größten Koffer die es dort zu kaufen gab. Die Stimmung hier unterschied sich deutlich von der vorheriger Supermarktbesuche, aber trotzdem wirkte noch alles sehr entspannt. Vorher hatten wir die Hondas noch notdürftig geputzt, die Reifen aufgepumpt und alles abgebaut, was nicht niet- und nagelfest war. Anstatt unserer Motorradtaschen zierten jetzt zwei Rollkoffer den Heckträger. Weiter ging es in den Stadtkern von Brunswick, wo wir uns mit unserer Agentin verabreden würden, sobald sie die Freigabe von der Zollbehörde erhalten würde. Da sie sich bis 12:00 Uhr immer noch nicht gemeldet hatte, aber um 16:00 Uhr der Hafen schließen würde, entschieden wir, einfach trotzdem zum Café zu fahren und dort weiterzusehen. Als wir dort ankamen und ratlos umherblickten, kam eine Frau zielstrebig auf uns zu; untrüglich war für sie klar, dass die beiden Leute mit gleich aussehenden Motorrädern ihre Kunden sein würden. Nun kam es zum Austausch von Zollpapieren und einer ordentlichen Summe an Provision in Cash (klingt alles stark nach Krimi und das war es auch). Wir hätten sie umarmen können!!!

 

Zwei mikrige Stunden blieben uns noch, bis der Hafen seine Tore schloss, doch vorher mussten noch die Koffer zum Motel gebracht werden und die letzten Straps von den Motorrädern entfernt werden. An einen emotionalen Abschied von unseren treuen Gefährten war kaum zu denken, so sehr waren wir seit zwei Tagen im Notlaufmodus und kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Zu welchen Höchstleistungen unsere Körper in der Lage sein können, sollte sich später noch deutlicher zeigen, doch selbst zu diesem Zeitpunkt waren wir in einem Zustand zwischen Euphorie und Stress. In einer gewissen „EGAL - wir machen das jetzt“-Stimmung ließen wir es uns nicht nehmen, mitten auf einer riesigen Hängebrücke anzuhalten und noch ein letztes Foto von uns und unseren treuen Motos zu schießen.

 

Am Hafen angekommen wurden wir bereits erwartet. Alles lief reibungslos und zu unserer Überraschung parkten dort zwei weitere Motorräder aus Österreich und warteten auf den Rücktransport. Im Taxi zurück zum Motel machte sich zum ersten Mal eine gewisse Erleichterung breit. Wir hatten es geschafft, die Motorräder sind im Hafen und um uns machten wir uns wenig Sorgen. Zu sehr keine Sorgen durften wir uns allerdings auch nicht machen, denn wir befürchteten, dass dann unsere Körper den Dienst insofern quittieren würden, als dass wir drei Tage durchschlafen würden... Die Auffassung des Taxifahrers war übrigens auch höchst interessant. Für ihn war klar, dass das Virus aus einem chinesischen Labor entwischt sein muss (oder absichtlich freigesetzt, da war er nicht ganz deutlich in seiner Auffassung) und dass nun die Großstädte New York und Los Angeles so stark betroffen seien läge daran, dass dort die Demokraten leben. Quasi ein politisch orientiertes Virus aus dem Labor – wir beschlossen das Trinkgeld zu behalten und uns stattdessen Schokolade zu kaufen.

 

Im Zimmer angekommen buchten wir umgehend einen Rückflug und tatsächlich bekamen wir die letzten zwei Plätze in einem Jumbojet von Chicago nach Frankfurt, wobei eine kleinere Airline von Jacksonville, Florida, nach Chicago fliegen würde.

 

Am nächsten Morgen sollte es also zunächst mit dem Taxi ins 80 km entfernte Jacksonville gehen um von dort aus weiterzufliegen. Leider kam der nächste Morgen schneller als uns lieb war. Damit unser gesamtes Gepäck in die zur Verfügung stehenden Behältnisse passt, erforderte es jede Menge Fingerspitzengefühl und ganz ohne Verluste ging es leider auch nicht. Schweren Herzens mussten wir einige liebgewonnene aber ersetzbare Gegenstände im Motel zurücklassen um schließlich nachts um drei Uhr vor drei Gepäckstücken á 23 kg und zwei Handgepäckstücken á acht kg zu stehen. Wie schon auf dem Hinflug blieb uns nicht anders übrig, als in voller Motorradausrüstung ins Flugzeug zu steigen, diesmal sogar noch mit den Protektorenjacken unter der Motorradjacke.

 

Wie wenig die Pandemie im Bewusstsein der Amerikaner war, zeigte sich deutlich, als unser Taxifahrer uns am nächsten Morgen allen ernstes fragte, ob es in Deutschland auch schon Corona-Fälle gäbe. Es schien ihn auch nicht weiter zu beeindrucken, dass die gesamte Gegenspur voller Kanadier war, die sich mit ihren riesigen Wohnmobilen auf dem Heimweg befanden.

 

Am Flughafen angekommen gab unser Fahrer Lukas tatsächlich noch die Hand und vermutlich aus Reflex erwiderte Lukas den Handschlag. Kein angenehmes Gefühl in diesen Tagen und wir fragten uns so manches Mal, was eigentlich passieren müsste, damit diese Menschen die Situation endlich ernst nehmen.

 

Für Leute wie uns, die Flugzeuge für gewöhnlich nur am Himmel sehen, ist ein Flughafen ein mysteriöser Ort. Scheinbar jeder außer uns kennt sich aus und weiß, was zu tun ist. Mit etwas Zähneknirschen schoben wir fünf Dollar in einen Automaten, um einen Gepäckwagen zu erhalten. Das erschien uns sinnvoll, denn bisher hatten wir die Dinger immer benötigt. Wir ahnten jedoch nicht, dass kaum zwanzig Meter weiter, hinter einer Glastür, bereits die Gepäckaufgabe war... GUAHHH!!! ARGH!!!

 

Als Nächstes wollten wir unser unförmiges Gepäckstück, nämlich die aneinander gebundenen Motorradtaschen, noch in Frischhaltefolie einwickeln. Das hatten wir auf dem Hinflug gesehen und hielten es für äußerst sinnvoll. Leider entpuppte sich unsere Frischhaltefolie als Alufolie. Unser deutsches Denken haben wir auch nach sieben Monaten in Nordamerika nicht abgelegt und wir dachten uns, wenn wir die Folie und das Gewebeklebeband schon nicht benötigen, dann kommt vielleicht jemand vorbei, der genau diese Gegenstände jetzt braucht. Wir gingen also fort und ließen eine Rolle Duck-Tape und zwei Rollen Alufolie auf einer Bank liegen – am Flughafen.

 

„Und da saßen sie nun, zwei Gestalten ganz in schwarz. Mit Skistiefeln, Raumanzügen und einer Tupperdose voller belegter Brote saßen sie dort in der Wartehalle und versuchten möglichst unschuldig auszusehen.“ So oder so ähnlich wird es wohl im Bericht der Flughafenpolizei Jacksonville stehen. Auf jeden Fall verstand die uniformierte Frau, die uns bereits seit Längerem beobachtete, wenig Spaß und wies uns eindringlich darauf hin, dass sie uns seit geraumer Zeit in den Überwachungskameras verfolgt habe und unsere „verdächtigen Gegenstände“ fachgerecht entsorgt hatte. Auch als wir ihr das Missgeschick mit den verwechselten Folien zu erklären versuchten blieb sie ernst, verständnislos und verschwand schließlich. Wir wussten auch nicht, ob wir nun unser Verhalten dämlich finden sollten oder nicht; wir wollten einfach keine neuen Sachen wegwerfen, die jemand anders noch gebrauchen konnte. Egal.

 

Vielleicht könnt ihr euch vorstellen, dass es für uns als Wenigflieger außerordentlich interessant sein muss, zu fliegen. Doch Druck und Schlafmangel der letzten Tage führten dazu, dass unsere Gehirne Neues kaum noch aufnehmen konnten. Wir waren wie volle Gefäße, in die einfach keine Eindrücke mehr hineinpassen wollten. Obwohl wir beim Buchen Aufpreis für zwei Sitze nebeneinander bezahlt hatte, saß Stefanie nun neben zwei dicken Menschen am Fenster einer Dreierreihe und fühlte sich hundeelend ohne Lukas, aber auch deshalb, weil sie sich gefangen fühlte. Lukas saß eine Reihe hinter ihr. Doch auch die beiden Menschen neben Stefanie, ein Ehepaar im mittleren Alter, schienen nicht mit ihrer Nebensitzerin zufrieden zu sein und boten an, Plätze zu tauschen, sodass Stefanie sich zu Lukas setzten konnte. Perfekt. Kaum geschehen, packten die beiden Desinfektionstücher aus und befreiten ihre Sitze, die Sitzrückseiten vor ihnen, die Fenster, sämliche Hebel und sogar die Flugzeuginnenwand von bösen Bakterien und Viren. Wir versuchten, nicht loszuwiehern und hielten das ganze Spektakel unauffällig mit der Handykamera fest. Der Internation Airport in Chicago schien eine andere Hausnummer als der in Jacksonville zu sein: rie-sen-groß! Da wir noch etwas Zeit bis zum Weiterflug hatten, streunten wir durch die Wartehalle, sahen uns einige Läden an und dachten über das Angebot einer Freundin von Lukas' Vater nach, uns vom Flughafen abzuholen. Wäre es in Ordnung, uns von ihr abholen zu lassen? Oder wäre dies gar fahrlässig? Wie sollten wir sonst zu Stefan kommen, ins Haus, wo wir gemeldet waren? Wir mussten abwägen und dachten darüber nach, uns ab Frankfurt einen Mietwagen zu nehmen, entschieden uns aber dagegen, weil die Bekannte von Stefan über ihn mitteilen ließ, dass sie uns sehr gerne abholen würde und es sicherlich nicht die schlauste Idee gewesen wäre, selbst Auto zu fahren... nach so einer langen Zeit ohne Schlaf. In Chicago waberte eine verwirrende Menge an deutschen Wortfetzen an unsere Ohren; wir schienen nicht die einzigen Deutschen zu sein, die sich auf Rückreise in „ihr“ Land bewegten. Erfreulich und so ganz im Kontrast zur Situation, die wir später noch in Frankfurt erleben würden, war, dass es im Flughafen alle 20, 30 Meter Toiletten gab und kontaktlose Spender mit Handdesinfektionsmittel, die scheinbar nicht erst seit Corona dort zu sein scheinen. Die Menge an Menschen mit Mundschutz und sogar mit Einmalhandschuhen hatte auffällig zugenommen und auch die Handwaschtechniken, die wir bei anderen auf der Toilette sahen, wirkten besorgniserregend. Das Virusbewusstsein war hier auf jeden Fall angekommen.

 

Unser Flug nach Frankfurt mit der Boeing 747 verlief ereignislos und äußerst komfortabel, bekamen wir des Abends sogar deutschen Wein und sogar „Gute Nacht“-Brandys bzw. -Baileys verköstigt. In Frankfurt angekommen traf uns nun der Schlag: riesige Menschenansammlungen, so weit das Auge reichte, Umarmungen, Willkommensplakate und ein Mangel an Toiletten, was wir kaum für möglich hielten. Wo war das Desinfektionsmittel? Die Kontrollen? Das Personal mit Mundschutz, mit Handschuhen? Wo waren Informationstafeln zum allgemeinen Verhalten? Wollte niemand Fieber messen? Uns registrieren? Und darüber informieren, dass wir uns zu Hause bestenfalls in Quarantäne begeben sollten? Wir waren ratlos, konnten kaum glauben, was uns hier widerfuhr und fühlten uns unglaublich hilflos. Stefans Bekannte, Babsie, sammelte uns vor dem Gebäude ein, versorgte uns mit zusammengestellten Care-Paketen in Form von belegten Brötchen, Wasserflaschen und einem Geldbeutel von Stefan, der die ersten Euros seit sieben Monaten für uns bereithalten sollte. Durch Babsies freundliche und fröhliche Art fühlten wir uns wunderbar aufgehoben und während sich Lukas angeregt mit ihr unterhielt, fiel Stefanie in einen kilometertieften, unruhigen und doch so nötigen Schlaf.

 

Und nun, liebe und treue Leser, sind wir an dem Punkt, an dem dieser Blog enden muss – zumindest vorübergehend. Wir sind nun bei Stefan zu Hause in dem Zimmer, von wo aus die Reise am 31. Juli 2019 begann. Wir sind wieder in Deutschland, die Motorräder sind auch auf dem Weg hierher und wir sind verwirrt und ratlos und müssen uns erst einmal um unser Schlafdefizit kümmern. Ankommen müssen wir – vor allem mental. Das wird dauern, vermuten wir, und das darf es auch, muss es und soll es sogar. Sieben Monate Motorradreise sind in einer solchen Geschwindigkeit vorübergegangen, dass wir mental und psychisch gar nicht folgen können. Was nun? Das fragt sich vermutlich jeder auf dieser durch das Corona-Virus gebeutelten Welt. Wir können nur abwarten, aus jedem Tag das Beste machen und uns über alles freuen, was uns bleibt.

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Christiane (Sonntag, 26 April 2020 08:29)

    ...ihr Lieben, habe gerade erst euren letzten Eintrag entdeckt, wie spannend, verwirrend, verrückt....mitfühlend. Meine Güte, das muss ein Mensch erstmal alles verarbeiten. Nun sind ja schon einige Tage seid eurer Ankunft hier vergangen, und ich hoffe sehr, ihr fühlt euch gut und konntet so einiges sortieren, emotional als auch rational. Gern würden wir euch sehen und von euch hören....genießt die Zeit und das schöne Wetter so gut es geht. Herzliche Grüße U + Ch.

  • #2

    Natalia & Matthias (Sonntag, 26 April 2020 15:36)

    Hey ihr Beiden,
    verrückt was ihr da in den letzten Tagen eurer Reise erlebt habt! Wir sind froh, dass alles in letzter Minute noch geklappt habt, ihr gut in Deutschland angekommen seid und dass ihr die Bikes nicht zurücklassen musstet. Wir hoffen, dass ihr die Zeit finden werdet, eure Reise mental zu verarbeiten und etwas zur Ruhe zu kommen. Lasst euch nicht vom Corona-Wahnsinn verrückt machen und bleibt in eurer Mitte!
    Liebe Grüße,
    Natalia & Matthias

  • #3

    Rosie & Jochen (Sonntag, 26 April 2020 18:40)

    Hallo, liebe Stefanie & lieber Lukas,

    vielen herzlichen Dank für Euren letzten spannenden Eintrag in Eurem Blog. Wir bedanken uns , dass wir an Eurer Reise teilhaben durften und wünschen Euch für Eure gemeinsame Zukunft alles erdenklich Gute. Ihr habt alles sehr gut gemeistert, hattet Glück, im passenden Moment den richtigen Riecher und habt GOTT SEI DANK rechtzeitig die Kurve gekratzt und seid nach Deutschland zurückgekehrt.
    Lasst es Euch gut gehen , bleibt gesund und munter und managt Euer Leben weiterhin so gut wie bisher .

    Alles Liebe wünscht Euch beiden

    von Herzen

    Rosie & Jochen