· 

Die letzten unbeschwerten Tage

Bisher hatten wir unsere Geschichte immer mehr oder weniger synchron erzählt, alles brav in der Reihenfolge der erfahrenen Erlebnisse. Dass unsere Geschichte durch den Coronaeinfluss nicht mehr linear erzählt werden kann, liegt auf der Hand. Deshalb erfolgt nun ein Einschub aus coronafreien Tagen und erzählt unsere Geschichte, die an den Blog „Am Golf von Mexiko“ vom 14. März anschließt.

 

Dass uns die Überbevölkerung Floridas vor organisatorische Herausforderungen stellte, haben wir euch ja schon erzählt… Immer noch waren wir hin- und hergerissen, ob wir in den Süden des selbsternannten Sonnenscheinstaates fahren sollten oder nicht. Dafür sprach: Traumstrand! Außerdem wären wir schon in der Nähe. Das Kennedy Space Center würde uns des Weiteren ziemlich locken. Stefanie ist schon seit Kindertagen an Florida interessiert, weil ein früherer Star hier wohnte und sie Florida deshalb aus Presseartikeln schon sehr lange kennt (nein, nicht die Backstreet Boys!). Zu guter Letzt waren wir auf unserer Reise stets so sparsam unterwegs, dass es möglich gewesen wäre, in Florida eben etwas mehr Geld auszugeben. Dagegen sprachen hingegen die immense Flut an Menschen, Mautstraßen mit merkwürdigen Bezahlregelungen, die schwüle Hitze und Ansammlungen an Insekten, die es maßgeblich auf uns Zelter abgesehen haben schienen. Wir entschlossen, uns Tag für Tag einfach weiter nach Süden vorzuarbeiten. Im Notfall könnten wir jederzeit umkehren, dachten wir uns.

 

Und so verließen wir schweren Herzens den netten State Park am Golf von Mexiko und fuhren nach Nordosten auf einen günstigen Campingplatz, der uns – im Falle einer postiven Entscheidung – ins Herz Floridas führen würde. Dass Florida nicht nur viele Urlauber und Partygäste, sondern auch eine immense Menge an Trump-Anhängern bieten würde, bemerkten wir jeden Tag aufs Neue. Stolz zierten Schirmmützen, T-Shirts und Fahrzeuge den Namen des derzeitigen US-Präsidenten. Von bescheidenen Zuneigungsbekundungen bis fast schon zur Anbetung war alles dabei. Folgendes Fahrzeug illustriert eher Letztere:

In Sopchoppy angekommen arrangierten wir uns mit der einzigen Übernachtungsmöglichkeit, welche die dünn besiedelte Gegend weit und breit zu bieten gehabt hätte. Wir standen vor einer Nacht auf einem unglaublich verwahrlosten Campingplatz mit unheimlichem Mann, der über diesem wachte. Nachdem Stefanie schier kraftlos von ihrem Motorrad gefallen war und gar nicht wusste, was mit ihr los ist, baute Lukas in Windeseile das Zelt auf, in das sich Stefanie aufgenblicklich verkroch. Was auch immer es war, was ihr die Energie raubte, es war enorm. Sie war einfach nur entsetzlich schwach. Ein Nickerchen und ein (deutsches Pumpernickel-)Käsebrot führten jedoch wieder zu neuer Kraft. Am nächsten Tag ging es ihr wieder gut, wobei nun Lukas einen Anfall schrecklicher Kraftlosigkeit befallen hatte. Wir wunderten uns, hakten es als „abgewehrte Erkältung“ ab und fuhren weiter. Mittlerweile, ca. eine Woche später, ziehen wir in Erwägung, vielleicht doch erfolgreich das Corona-Virus abgewehrt zu haben, wer weiß? Wichtig zu betonen an diesem Punkt unserer Reise (10. und 11. März) ist, dass keine Begegnung in den USA sich bisher über das Virus geäußert hatte. Zwar verfolgten wir seit einigen Wochen mit zunehmender Anspannung die deutschen Medien, doch erweckten die USA den Eindruck, gefeilt gegen das sogenannte „ausländische Virus“ zu sein. Mit erhöhter Wachsamkeit hielten wir nun Augen und Ohren nach seriös und offen wirkenden Menschen Ausschau (bzw. Aushör ;-), um gegebenenfalls mit jemandem ins Gespräch kommen zu können. Einschränkungen gab es (außer bei Starbucks, bei dem man nur noch Getränke zum Mitnehmen bekommen sollte, ohne Möglichkeit, die Toilette zu benutzen) keine. Niemand sprach über das Virus. Die, die darüber sprachen, winkten ab. „It’s just a cold!“, hörten wir oft. Vielmehr waren unsere Motorräder, unsere Reise und unsere Route Gesprächsthema, was wir kaum noch ertrugen. Was braute sich da weltweit zusammen? Wieso redet hier niemand darüber? Unsere erhöhte Wachsamkeit führte auch dazu, dass wir andere Reisende anschrieben bzw. auf Instagram-Seiten von anderen Reisenden, die wir vor allem in Mexiko gesehen hatten, „herumschnüffelten“. Die Mehrheit sah die Lage entspannt, reiste weiter oder beschloss, die Situation in Nordamerika auszusitzen, da es in Europa Restriktionen hagelte, dort hingegen nicht. Wir wirkten nicht überzeugt und tauschten uns immer wieder intern über unsere Sorgen aus.

 

Immer noch unentschlossen über den Verlauf der weiteren Reise zogen wir weiter nach Perry und im Anschluss zur Horseshoe Bay, wo sich Stefanie Traumsand, Traumwasser und Traumpalmen erhoffte. Wir deckten uns mit mehr Wasser und Lebensmitteln ein, als Lukas‘ Honda ertragen konnte, sodass sie beim Abstellen gestützt werden musste und fuhren zur Horseshoe Bay. Dieser Platz hatte die Besonderheit, dass er nicht reserviert werden konnte und nach der „First come, first served“-Mentalität geführt wurde; hervorragend für uns mit unserem geringen Platzanspruch. Hier trafen wir auch Erna und Harry wieder, die beiden Niederländer, die wir bereits am Brazos Bend (am „Alligator-Platz“) kennengelernt hatten. Nach großem Hallo und einem Nachmittagsgetränk wussten wir, dass uns außer tiefer Sympathie einige Gemeinsamkeiten verbinden: Die beiden waren auch in Halifax gestartet, waren eine ähnliche Route wie wir gefahren und hatten die gleichen Probleme, in Florida unterzukommen. Dass die beiden am kommenden Tag weiterfahren würden, stimmte uns traurig. Gerne hätten wir noch mehr Zeit mit den lebensfrohen und tiefsinnigen Rentnern verbracht. Erna erzählte uns übrigens von den Horseshoe Crabs (zu Deutsch: Pfeilschwanzkrebse), die hier in der Bucht an Land gespült werden und, unbeholfen wie sie bedingt durch ihren Körperbau an Land sind, zum Opfer von Vögeln werden. „Horseshoe“ bedeutet auf Deutsch „Hufeisen“ und wenn ihr euch die Bilder der Tiere anseht, werdet ihr erkennen, weshalb der Name so gewählt wurde. Im deutschen Begriff „Pfeilschwanzkrebs“ schwingt irgendwie eine gewisse Gefährlichkeit mit, jedoch verwendet der Krebs seinen Schwanz ausschließlich zum Steuern im Wasser und dazu, um sich am Land umdrehen zu können – stechen kann er damit nicht. Weiterhin berichtete Erna, dass man die Krebse, sollte man sie an Land finden, wieder in das Wasser werfen sollte. Darüber informierte auch eine Broschüre, welche Freiwillige am gleichen Tag auf Nachfrage ausgaben.

Heute, am 12. März 2020, erfuhren wir übrigens, dass die USA die kommenden dreißig Tage keine Europäer mehr in ihr Land lassen würden. Schluck. Was bedeutete das für uns? Momentan noch nichts – oder? Auch Erna und Harry zeigten sich etwas bedrückt über die sich nun täglich überrollenden Ereignisse. Am Abend des 12. März schmuggelten wir unser Bier an die Schiffanlegestelle (öffentlicher Alkoholkonsum ist in Nordamerika untersagt – es sei denn, man sitzt beispielsweise in einem Restaurant). Dieses Bier sollte besonders werden, denn wir tranken es am letzten ruhigen Abend vor dem Sturm. Der 12. März brachte zwar schon Fragen mit sich, aber niemals hätten wir mit dem gerechnet, was die folgenden sechs Tage bis zu unserer Abreise mit sich bringen würden. Wie lächerlich doch die Dinge nun wirken, um die damals unsere Gedanken kreisten. Doch mehr dazu im nächsten Blog (ihr wisst ja: die Nichtlinearität der Geschehnisse).

Harry und Erna wiesen uns auch die morgendliche Windstille hin, die Millionen Milliarden bösartiger kleiner beißender Fliegen dazu veranlasste, in alles Fleisch hineinzubeißen, welches sich nicht im Zelt in Sicherheit brachte. Es war furchtbar. Alles juckte, überall blutete es, überall kratzte man tote Fliegen von der Haut. Das Insektenschutzspray, das einem selbst vor kanadischen Monstermücken beschützte, zeigte sich wirkungslos. Wir frühstückten im Zelt, gingen vor Hitze schier ein und hätten schier an der glatten Wand hinauf marschieren können, hätte es eine gegeben. Zum Glück zeigte sich der Wind wenig später, sodass wir einen Strandspaziergang unternehmen konnten. Es war wunderschön hier (wenn man über die schlammbraune Farbe des Wassers aus den zufließenden Sumpfflüssen absieht) und nach kaum ein paar hundert Metern waren wir allein. Dieser Strand hatte den Charme der rauen Nordsee, gepaart mit etwas Tropischem, das ihm die Palmen hier und da gaben. Auf dem Weg an das Ende der Bucht begegneten uns zur Mittagszeit betrunkene Gestalten. Wir witzelten noch, dass sie bestimmt wieder – wie so viele – ihre leeren Dosen in das Naturschutzgebiet geworfen hatten und behielten Recht: Sogar den Pappkarton hatten sie liegengelassen, zusammen mit zerknüllten Aluminiumdosen. Wir ärgerten uns, weil wir wissen, was das für die Tierwelt bedeuten kann, wünschten den Typen Hämorrhoiden und nahmen ihren Müll mit. Das Ganze hatte dann aber doch etwas Gutes, denn mithilfe des Pappkartons, der uns als Behälter diente, säuberten wir den Strand von weiterem Müll. Wir fanden (einzeln und unpassend zueinander) vier Socken, einen Kinderschuh, Knetedosen, Folienstücke, einen Stoff-Hundeknochen und – was viel Gelächter und lautes Prusten bei uns verursachte – eine Trumpmütze! Herrlich! Diesen MÜLL, absoluten Schrott, sammelten wir mit besonderer Emisgkeit ein, wieherten bestimmt noch einige Meter, beschlossen dann aber, das Bild mit unserem Fund erst nach dem Verlassen der USA auf unserer Homepage zu zeigen, weil es uns unter Umständen doch in Erklärungsnot hätte bringen können.

Dass die Herausgabe des Bildes schon eine Woche später (und nicht wie geplant in Monaten in der Zukunft) möglich sein würde, hatten wir nicht im Geringsten geahnt…

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Christine (Donnerstag, 26 März 2020 14:31)

    Hallo Ihr Zwei,

    so wie Eure Erlebnisse und Gedanken im Blog verfasst sind, mach es richtig Spaß, darin zu lesen. Da sich die Situation täglich (anfangs gefühlt stündlich) ändert, ist Eure frühere Rückkehr, politisch korrekt... gesprochen: alternativlos. Ich bin auch froh, dass Ihr wieder da seid, kommt weiterhin gut an und ich werde mir mit dem Lesen im Blog die Zeit angenehm vertreiben.
    Toll, was Ihr so erlebt habt und wer weiß schon, wann das Reisen wieder möglich wird. Ich wollte kommendes Wochenende nur nach Helgoland :-)

    Lieben Gruß, Christine

  • #2

    Michael (Donnerstag, 26 März 2020 20:26)

    Damit es jetzt auch alle wissen :

    Heute wurde unter höchsten Corona Sicherheitsvorkehrungen der LUPO aus seinem Dornröschenschlaf
    befreit......

  • #3

    Uwe aus Gö (Freitag, 27 März 2020 19:13)

    Danke für euren "Rückblick" .... es ist schon seltsam, vor kurzem habt ihr noch in den USA "saubergemacht" und nun die heftigen Nachrichten von dort.
    Bleibt gesund und bis bald mal "live" ;-)

  • #4

    stefan baschny (Montag, 30 März 2020 10:52)

    Hallo ihr Zwei !
    Danke für den tollen Bericht, auch wir überlegen noch unsere Erlebnisse von Florida noch auf den Blog zu geben, jedoch können wir uns noch nicht so richtig dazu durchringen.
    Wir haben ab 10.3 wo es in Europa dann los ging, mit Corona, nichts mehr von unserer Reise in den Blog gestellt. Erst dann unsere Abreise....
    Naja es ist jedenfalls toll von Euch zu lesen.
    Liebe Grüße
    Stefan und Michi