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Am Golf von Mexiko

 

In Louisiana planten wir, sowohl New Orleans als auch einen besonderen Fluss zu besuchen. Freunde und Kenner von Tom Sawyer kennen ihn: den Mississippi. Den Fluss, aus dem Kindheitsabenteuer geschnitzt sind, der nach Eroberung und Lagerfeuer ruft. Leider schien das Wetter etwas dagegen zu haben und schickte einen Tornado nach Tennessee (nördlich von uns) und in den Süden, wo wir gerade weilten, Regen, Regen und noch mehr Regen.

 

Bei etwa 30 Grad Celsius und einer tatsächlichen Luftfeuchte von über 90 Prozent retteten wir uns in Baton Rouge in ein Motel, das, wie wir später herausfinden würden, ein echter Geheimtipp sein sollte. Bedingt durch den Hurrikan vor zwei Jahren stand es brusthoch unter Wasser und wurde aufwändig renoviert und wieder instandgesetzt. Der Mietpreis entsprach eher dem einer Absteige, sodass wir uns tatsächlich sehr günstig vor dem angekündigten Unwetter in Sicherheit bringen konnten – in ein wunderbar neues und sauberes Zimmer. Im Laufe von 24 Stunden fiel die Temperatur etwa fünfzehn Grad und es regnete in einer Weise, wie wir es aus Deutschland nicht kennen: Das Wasser fiel einfach aus dem Himmel, als würde uns jemand mit einer gigantischen Gießkanne wässern. Die uns noch am Vortag rettende Klimaanlage brauchten wir nun nicht mehr.

 

Von hier aus planten wir, uns New Orleans anzusehen, die Stadt des Jazz am Mississippi. Letztendlich mussten wir diesen Plan aber wieder verwerfen, weil wir einfach keine sichere Stellmöglichkeit für unsere bereiften Freunde finden konnten. Das klingt von außen bestimmt nicht immer nachvollziehbar, dass wir Pläne wegen der Motorräder ändern. Aber wir fanden weder ein Garagenmotel, noch eine Privatunterkunft, bei der wir die Motorräder etwa in den Garten hätten schieben können. Zwei Vermieter schrieben uns sogar, dass sie nicht für die Sicherheit garantieren können und wir uns besser etwas anderes suchen sollten. Das stimmt merkwürdig. Was ist dran an der Kriminalität der 400.000-Seelen-Stadt? Wir wissen es nicht... und werden es vorerst auch nicht herausfinden, denn bei der Weiterfahrt am nächsten Tag folgten wir nicht dem Wegweiser nach Süden, sondern folgten dem Ruf Floridas; der Bundesstaat, zum dem wir uns vorarbeiten würden.

 

Da Stefanies Motorrad während der vergangenen drückend schwül-heißen Tage wieder darauf hinwies, dass doch noch etwas Ursachenforschung zu betreiben ist, planten wir einen längeren Aufenthalt in einem wunderbar ruhigen und sehr günstigen State Park, in dem wir die einzigen Zelter zu sein scheinen. Wir betrieben etwas überfällige Materialpflege, indem wir Stiefel und Lederhandschuhe fetteten und unsere Regenjagen mit Imprägnierspray behandelten. Die Tanks beider Motorräder wurden mitsamt Benzinpumpe getauscht, sodass wir nun gespannt sein dürfen, wie sich das auf das Verhalten bei Hitze und Volllast auswirken wird.

 

 

Interessant und immer wieder Gesprächsthema ist bei uns, wie anders doch die Südstaaten als beispielsweise Kalifornien auf uns wirken: Zeigten die Kalifornier doch immer wieder auch Ansätze eines sich entwickelnden Umweltbewusstseins und vieler „Organic“-Lebenmittel, selbst in herkömmlichen Supermärkten, so schienen sie in anderen Bereichen doch noch stark entwicklungsbedürftig zu sein, beispielsweise in Bezug auf Rücksichtnahme und Distanz (ständig ungefragte Tipps zu Routen etc.). Die Texaner, Louisianer und Mississippianer zeigten sich freundlich und interessiert, aber keineswegs übergriffig. Niemand wollte wissen, wie viele „dirt roads“ wir fahren, „How many miles?“ hat hier noch keiner gefragt und aufdringliche Routentipps bekommen wir hier nicht. Wir fühlen uns wohl und in unserem State Park im Staat Mississippi haben wir den Eindruck, landschaftlich schon wieder in Kanada zu sein; auch die Tatsache, dass es hier einzelne Bären gibt, erinnert uns an den Beginn unserer Reise. Lediglich einige Palmen hier und da zeigen uns noch, wie südlich wir auf unserer Reise noch sind.

 

Florida - „The Sunshine State“, wie den Nummernschildern hier zu entnehmen ist. Auch „In God We Trust“ lasen wir hin und wieder stattdessen auf den Kennzeichen. Als wir eine große Werbetafel lasen, die in dicken Lettern „GOD, GUTS AND GUNS“ („Gott, Mut und Schusswaffen“) verkündete, blieb uns die Luft weg – nicht zum ersten Mal. Nächstenliebe scheint hier schön und gut zu sein, solange sich jeder selbst der Nächste ist...

 

Da wir in den seit Mexiko durchfahrenen US-amerikanischen Staaten in den State Parks bisher immer relativ alleine gewesen waren, gingen wir auch hier nicht von einer Invasion von Urlaubern und Reisenden aus; doch weit gefehlt. Scheinbar besiedeln kanadische und US-amerikanische Snow Birds („Zugvögel“ – hiermit sind Rentner gemeint, die des Winters zu Tausenden in den Süden fahren) sowie Studenten gleichermaßen sämtliche Campingplätze und State Parks in Florida. Wir hatten uns vor der Einreise in den Golfstaat über unsere Möglichkeiten zu zelten informiert und viele, viele Plätze entdeckt. Wunderbar, dachten wir. Dass aber Florida so außergewöhnlich überbevölkert sein sollte, damit hatten wir nicht gerechnet. In der Dunkelheit kamen wir endlich in einem State Park an, der, so erfuhren wir, bis auf den allerletzten Platz ausgebucht war – elf Monate im Voraus. Andere Möglichkeiten gab es in der Gegend nicht. Ein netter Volunteer (eine Art Ehrenamtlicher, der einige Monate im Park aushilft) half uns zum Glück unter Einsatz seines Verhandlungsgeschicks, wenigstens die Nacht auf einer Art Notfallplatz verbringen zu dürfen. Am folgenden Morgen hatten wir noch ein zweites Mal mehr Glück als Verstand, als uns eine weitere Ehrenamtliche erzählte, Platz Nummer 53 sei freigeworden und wir sollen am Eingang so lange warten, bis dieser Platz freigegeben werden würde – an den Ersten, der nach einem freien Platz fragen würde. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen! In Windeseile wurde notdürftig gepackt, zum Eingang gefahren und nach Nummer 53 verlangt. Und Glückstreffer Nummer Drei – es hat geklappt! So schnell hintereinander haben wir bisher unsere Sachen noch nie eingepackt, um sie sogleich wieder auszupacken. ;-)

 

Nie zuvor hatten unsere mitteleuropäischen Augen solch einen Strand gesehen, noch nie hatten die ebenso mitteleuropäischen Füße einen so feinen, zarten Sand unter ihnen gespürt! Wir konnten kaum glauben, an was für einem Reisebürostrand wir hier gelandet waren. Mit Worten ist das kaum auszudrücken, sodass wir sie an dieser Stelle einsparen, um euch stattdessen Bilder zu zeigen. Was uns übrigens jetzt erst klar geworden ist, ist die Tatsache, dass wir seit etwa 3.000 Kilometern (seit Puebla) den Golf von Mexiko mehr oder weniger umkreisen und ihn an diesem Strand aber zum allerersten Mal sehen.

 

 

Von den erwähnten Florida bevölkernden Studenten haben wir übrigens kaum etwas mitbekommen, dafür aber viele Nordstaatenbewohner und Kanadier getroffen, die hier dem langen harten Winter in ihrer Heimat entfliehen. Nachdem wir nun noch eine Nacht im zauberhaften Katalogstand-State Park verbracht hatten, war es an der Zeit, weiterzuziehen. Wir entwarfen einen irren und minutiös durchgeplanten Trip durch Florida, legten State Parks in eine Art Einkaufswagen (als würde man im Internet Sachen bestellen) und gelangten auf die Bezahl-Seite. Pro Platz würden wir jeweils sechs Dollar Reservierungsgebühr bezahlen, zusätzlich zum Platz selbst. Sollten wir auf den Plätzen jeweils nicht bis 17 Uhr erschienen sein (und dies nicht rechtzeitig mitteilen), müssten wir den Platz PLUS die sechs Dollar Reservierungsgebühr PLUS 17 Dollar Stornierungsgebühr bezahlen. Schluck. Konnten wir diesen engen Zeitplan, der sich aufgrund vieler ausgebuchter Plätze ergeben hatte, überhaupt einhalten? Wollten wir das? Was wäre, wenn es einem von uns nicht gut geht? Oder Stefanies Motorrad Zuwendung verlangt? Oder, wenn wir einfach keine Lust mehr haben, weiter nach Süden zu fahren? Zunächst entschieden wir, noch einmal über die Angelegenheit nachzudenken und kamen zum Entschluss, dass dieser strikte Plan ohne jegliche Freiheit eine solche Einschränkung für uns wäre, dass wir davon abließen. Es würde schon irgendwie weitergehen. „Wenn Florida uns nicht haben will“, meinte Lukas, „dann fahren wir eben nach Norden.“ Mit dieser Gelassenheit würden wir weiterreisen, das stand nun für uns fest. Ebenfalls fest stand aber auch, dass wir zumindest versuchen wollten, noch einmal an den Golf von Mexiko zu gelangen, noch einmal die Füße in den weißen Sand eingraben, noch einmal das kristallklare türkisblaue Wasser sehen. Ob uns das gelingen wird, erfahrt ihr bald! :)

 

 

Sogar die gibt es hier!

Wer hätte das gedacht?!

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Kommentare: 3
  • #1

    Michael (Samstag, 14 März 2020 19:23)

    Viele Grüße aus einem Land, das Ihr so nicht kennt.
    Drück Euch die Daumen, das dies nicht der letzte unbeschwerte Blog Eintrag war.
    Abstand haltende und von weitem winkende
    Silvia und Michael

  • #2

    Rosie & Jochen (Sonntag, 15 März 2020 05:18)

    Gesundheit, Gesundheit, Gesundheit, Good luck & Happiness and always look at the bright side of life ! Many greetings from Germany an Euch Lebenskünstler !

  • #3

    Christiane (Sonntag, 15 März 2020 19:55)

    ...wie immer, traumhafte Fotos...toller Bericht. Seid weiterhin behütet und beschützt!!! :-))))