· 

Kurs Nord

Von unserem südlichsten Wendepunkt in Cholula aus fuhren wir wieder zurück nach Tula de Allende, wo wir uns noch einmal im schönen Hostel einquartierten, das wir diesmal mit Bauarbeitern teilen mussten, die unsere schöne Küche nicht ganz so sauber hinterließen.

 

Von Tula aus hatten wir nun die Wahl, entweder einen Teil unserer Route komplett zurückzufahren oder Abstecher auf kleinere Straßen zu unternehmen. Wir entdeckten auf unserer Handy-App traumhafte Campingplätze inmitten von Orangen- und Mangobäumen, gelegen an kristallblauen Bergflüssen, teils mit sogar warmen Quellen, deren Wasser sich in Becken sammelt, in welchen wiederum man sich aalen kann. Wir überlegten, ob wir der Verlockung nachkommen sollten oder nicht. Dafür sprächen die oben genannten Attribute, dagegen spräche absolut die in unserer App geschilderte Überbevölkerung durch urlaubende Mexikaner, die immer an schönen Orten vorhandenen selbstverliebten und selbsternannten Models, die einen beobachten und abfällig mustern (in Mazatlán erlebt) und die Frage, was wir - wenn wir beide baden - mit unseren Wertsachen anstellen sollten. Wir haben nur zwei ältere Handys, zwei ebenfalls ältere kleine Kompaktkameras, den älteren und gebraucht gekauften kleinen Computer – und die Motorräder bzw. deren Schlüssel. Wohin damit? Der camping- bzw. wasserparkartige Erlebnisplatz ist riesig und bietet somit einer riesigen Menschenmenge Platz. Selbst ein gestohlenes Paar Schuhe, die fehlende Motorradjacke oder was auch immer es sein könnte; wir brauchen jeden einzelnen Gegenstand und – bitte verurteilt uns nicht für diesen Gedanken – Gelegenheit macht Diebe. Wir hatten gar keine Lust mehr, dieses Risiko einzugehen und beschlossen, ein hochgelegenes Bergdorf, nämlich das auf 2511 m gelegene Pinal de Amoles im Biosphärenreservat Sierra Gorda, anzusteuern. Dass wir das Dorf tatsächlich erreichten, glich einem kleinen Wunder, denn zum ersten Mal auf dieser Reise meldete eine Honda ein gewisses Unwohlsein an:

 

Als wir noch gemächlich von uns hin tuckerten, bemerkte Stefanie, dass ihr Motorrad aus irgendeinem Grund wohl ausgegangen ist. Komisch, befanden wir, aber wenn das nicht noch einmal passiert, würden wir es unter „merkwürdig, aber nicht auffällig“ abhaken. Doch das Motorrad beschloss noch einmal, darauf hinzuweisen, dass ihm irgendetwas nicht behagte. Wir tauschten unsere roten Freunde und auch Lukas verifizierte, dass das Motorrad in unregelmäßigen Abständen ausging, was wir mit unserem Fahrverhalten versuchten zu erforschen. Wir fanden Folgendes heraus bzw. kreisten folgende Faktoren ein: Das Motorrad ist schwer beladen (wie immer eben), hat am heutigen Tag große Steigungen und Gefälle zu überwinden und scheint offensichtlich ein Problem damit zu haben, unter Volllast zu fahren. Oft ging sie auch aus, nachdem sie den Scheitelpunkt eines Hügels überwunden hatte. Die Außentemperatur hielt sich in angenehmen Grenzen, doch die Motoren beider Motorräder waren kochend heiß. Nicht ungewöhnlich angesichts dessen, was die beiden Hondas heute zu bewältigen hatten, doch muss das aufgrund der erfahrenen Auffälligkeit doch erwähnt werden.

 

Pinal de Amoles erreichten wir, bildlich gesprochen, auf dem Zahnfleisch kriechend, denn Stefanies Motorrad ging nun fast minütlich aus, wodurch wir Steigungen im Mopedtempo hinaufkrochen – mit Warnblinklicht, um forsche Autofahrer irgendwie darüber zu informieren, dass es einen Grund für die Behinderung des Verkehrs gab. Wir blickten in viele unverständige Gesichter. Angekommen in unserem Bergörtchen untersuchten wir (parallel zu Kochen, Essen, Einkaufen, Duschen und Sonstigem) die Verdächtigen, die das Problem verursachen könnten: alle Steckverbindungen, Benzinfilter und Benzinpumpe – wobei wir letztere ausbauten, inspizierten und reinigten. Das Ganze ließ uns keine Ruhe, denn zum allerersten Mal auf dieser Reise war es so, dass – wenn alles schiefgehen sollte – wenigstens auf die Motorräder noch Verlass war. Das war nun anders.

 

Am nächsten Tag stiegen wir mit mulmigem Gefühl auf unsere Motorräder und fuhren weiter durch das Biosphärenreservat in Richtung Norden. Die Steigungen und Gefälle hielten sich heute in Grenzen und das Motorrad tat brav, was es zu tun hatte: Keine Auffälligkeit zu beklagen. Um auf Nummer sicher zu gehen, spazierte sie mit Lukas an Bord Vollgas den Berg hinauf, sodass Stefanie kaum hinterher kam. Der Motor kochte und das Motorrad lüftete brav im Stand nach – alles im grünen Bereich. In einem merkwürdigen kleinen Ort entdeckten wir einen recht teuren Campingplatz, der aber recht gepflegt wirkte, weswegen wir beschlossen, dort zu bleiben. Fast vier Wochen hatten wir nicht mehr gecampt, nicht mehr in Zelt geschlafen, waren wir der Natur nicht mehr nahe gewesen.

 

Abends fiel eine Horde junger Mexikaner mit der obligatorischen lauten mexikanischen Volksmusik ein, die uns aber bald für sich gewinnen konnten, weil sie uns auf einen Tequila zu sich einluden. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass sie freundlich und weltoffen waren und mithilfe unseres sich noch in der Entwicklung befindlichen Spanischsprechvermögens, der paar englischen Worte, die einer der Jungs sprach und von Online-Übersetzungen konnten wir uns recht gut verständigen. Zum ersten Mal machten wir die Bekanntschaft mit „richtigen“ Mexikanern, die an uns genauso interessiert waren wie wir an ihnen. Auch sie bestätigten die Reisewarnungen des auswärtigen Amtes und wiesen und mehrfach daraufhin, aus Tamaulipas bloß draußen zu bleiben, weil sie Menschen kennen, die nach einer Reise dorthin nicht zurückgekommen seien. Das beschäftigte uns noch tagelang und hinterließ ein beklommenes Gefühl – wie so oft in Mexiko beim Austausch über unsere Routenplanung. Die Jungs, Jonathan, Daniel, David, Eduardo und Michael, legten übrigens ein erstaunliches musikalisches Talent an den Tag und spielten uns bekannte mexikanische Volkslieder vor, bei denen wir auch mitsingen sollten. Es war herrlich, diese weltoffenen und positiven Menschen kennenzulernen, auch wenn wir uns am nächsten Tag darüber amüsierten, von der Dorfjugend, kaum zwanzig Jahre alt, abgefüllt worden zu sein. Wir beschlossen, einen SEHR großen Bogen um Tequilaeinladungen zu machen...

 

Die Tatsache, dass auf diesem Campingplatz Orangen, Bananen und Mangos wachsen, bringt eine gewisse klimatische Erfordernis mit sich: warm und feucht. Wir waren froh, uns im Schwimmbecken abkühlen zu können, denn die feuchte Hitze setzte uns doch beiden etwas zu, so sehr wir es auch genossen, endlich in den Tropen zu sein, wo eine Köstlichkeit nach der anderen wächst. Hier ein Gedanke am Rande: Wer von euch findet es auch komisch, dass die Banane eine urdeutsche Frucht zu sein scheint, die wohl jeder zu Hause hat, obwohl sie nur in den Tropen wächst? Das ist doch eigenartig, oder? Ein Lebensmittel, das zum Müsli oder was auch immer irgendwie dazu gehört, aber in Deutschland genauso wenig zu suchen hat wie eine Palme oder Affen auf den Bäumen.

 

San Luis Potosí war schon auf unserer Reise nach Süden eine Option, die wir allerdings zugunsten von Aguascalientes ausließen. Die Route nach Norden sollte nun aber doch durch diese Stadt führen, in der wir uns – im wahrsten Sinne des Wortes – wieder einmal häuslich niederließen: Wir buchten uns eine Privatunterkunft in Form eines Altbauhäuschens, keine 25 Quadratmeter groß und mit einer Art Empore, die man mithilfe einer kleinen Holztreppe erklimmen kann. Hier beschlossen wir, drei Nächte zu bleiben, weiterhin das Problem der kränkelnden Honda zu erforschen und uns die Stadt zu Fuß anzusehen. Die Zündkerzen beider Motorräder wurden entnommen, verglichen und bei Stefanies wurden optische Veränderungen festgestellt, sodass wir uns dazu entschlossen, in Stefanies Motorrad die neue, als Ersatz mitgebrachte, Zündkerze einzusetzen. Außerdem tauschten wir noch beide Zündspulen untereinander, sodass der Gedanke wie folgt aufgehen musste: Lukas' Motorrd schwächelt: Es liegt an der eingebauten Zündspule. Stefanies Motorrad schwächelt: Es liegt nicht an ihrer Zündspule. Kein Motorrad schwächelt: HURRA! (Auflösung folgt später im Text.) Beide Motorräder schwächeln: Darüber möchten wir ehrlich gesagt nicht nachdenken!

 

Unser Weg sollte nun von San Luis Pososí stramm in Richtung Norden führen und zwar nach Matehuala, ein kleiner Ort, der auf halber Strecke in Richtung Hidalgo bei Monterrey liegt. Hidalgo hatten wir nämlich als letzten Ort vor der Grenze auserkoren, was Matehuala als akzeptablen Ort davor mit sich bringt. In Matehuala also (sollten die Motorräder uns dorthin transportieren) wollten wir uns ein Garagen-Motel suchen. Dort angekommen erblickten wir verschiedene Hotels in unterschiedlichem Gammelstatus, die alle gemeinsam hatten, dass Parken wohl nur an der Straße möglich sein müsste. Wir erinnerten uns an Ian, den amerikanischen Motorradfahrer, den wir in Loreto kennengelernt und in San Luis Potosí wiedergetroffen haben, aus dessen Motorradtaschen Dinge entwendet wurden – hinter verschlossenen Mauern. Nicht, dass wir die Motorräder jemals beladen gelassen hätten; aber die Information von jemandem aus erster Hand (bzw. Mund) zu hören, stimmte uns doch nun wieder einmal nachdenklich, wie viel Glück wir immer hatten auf unserer Reise.

 

Hier kommt nun die Auflösung, was die Schraubaktion in San Luis Potosí gebracht haben muss: Beide Motorräder fahren einwandfrei. Man muss an dieser Stelle allerdings unbedingt hinzufügen, dass zwei eventuell wichtige Faktoren bei der Fahrt nach Matehuala fehlten: große, langanhaltende Hitze und das Überwinden vieler Höhenmeter in kurzer Zeit. Scheinbar schien es doch am Sprit gelegen zu haben, einem weiteren Faktor, dem wir nachgegangen waren. Wir wechselten die Tankstellenkette, fügten beiden Tanks ein sogenanntes Additiv hinzu. Drückt uns die Daumen, dass wir das Problem mit der Überfahrt in die USA nun wortwörtlich hinter uns lassen werden. ;-)

 

In Matehuala war etwas Überzeugungsarbeit vonnöten, denn Zelte waren auf dem reinen RV-Platz nicht erwünscht. Man schien mit den armen Reisenden aber Mitleid zu haben und erlaubte ihnen, zum vollen Preis auf einem kleinen Rasenstück zelten zu dürfen, was wir uns insofern schön redeten, als dass ein Hotel 1. teurer wäre, wir 2. die Motorräder nicht sicher neben uns gehabt hätten und wir 3. nicht in unserem eigenen Bett schlafen würden. Als am Abend noch ein lautstark auf seinen Hunger hinweisenden Straßenkater zu Besuch kam, waren wir ganz entzückt.

 

Unsere längste Fahretappe in ganz Mexiko sollte die Fahrt von Matehuala nach Hidalgo bei Monterrey werden und sie schien gefühlt durch sämtliche Klimazonen dieser Erde zu führen: Ein eiskalter und regnerischer Morgen ging über in gleißende Mittagshitze bei strahlend blauem Himmel und endete im dichten Nebel einer grauen wabernden Masse, bei der wir uns fragten, wie viel sie wohl mit den vielen Fabriken um Monterrey herum zu tun haben muss. Nun waren wir auf ihm angekommen: Auf dem letzten Campingplatz, am letzten Haltepunkt unserer Mexikoreise. Nächster Stop: USA. Wir freuen uns auf sichere Straßen, das Erkunden der Golf- und später der Atlantikküste, darauf, Obst und Gemüse nur noch mit Leitungswasser waschen zu können und auf vegetarische Verlockungen einer in den USA bekannten Biomarktkette. Wir gruselten uns von Ansprachen wie „How ya doin'?“, „How 's it goin'?“, „How many miles?“ etc. Wir würden die Freundlichkeit der Mexikaner vermissen, ihr höfliches Grüßen und ihre landestypische Volksmusik. Bitte sucht einmal die Musik von Pedro Infante im Internet; man hört sie überall und das ist auch die Musik, welche die Jugendlichen (Text weiter oben) gespielt und gesungen haben. Ach, Mexiko, wir werden dich vermissen! So sehr du uns manchmal verängstigt hat, wie wenig wir manchmal deine Straßenführung nachvollziehen konnten, es war doch wunderschön bei dir! Deine Menschen sind die herzlichsten, freundlichsten und anständigsten, die wir auf der ganzen Reise kennengelernt haben. Aber nun wird es Zeit für uns, dieses Kapitel in unserem Buch der Reise zu beenden und ein neues anzufangen: KAPITEL 4: Auf in die Golfstaaten. Y México: Nosotros decimos GRACIAS y adiós. Estamos seguros de verte de nuevo...

Kommentar schreiben

Kommentare: 6
  • #1

    Honda4Ever (Dienstag, 18 Februar 2020 02:12)

    Ja, Ihr seid mit dem besten Motorenhersteller der Welt unterwegs.....
    ......da muss man erstmal andere Fehlerquellen finden......
    Eure Reisefreunde haben die kleinen Honda's über 4000 Höhenmeter gequält und sind dabei verreckt.....
    ......die Motorräder.... aber sie schlagen sich ganz gut durch Asien...
    Lukas, großen Respekt, das Du die Probleme in den Griff bekommen hast.
    Mexiko war so ein tolles Land , aber ich mag auch die US-Amerikaner für Ihre offene Lebensweise...
    Gerne würde ich die beiden Länder wieder bereisen...
    Wir hatten eine kleine Familienfeier wo alle Blogschreiber und auch Stefan da waren, mit Musik von
    Pink Floyd und den Beatles, es wurde auch viel über Eure Reise gesprochen.
    Gruß Euer Honda4Ever...... der jetzt Geschichte ist.
    Michael

  • #2

    Michael (Dienstag, 18 Februar 2020 02:30)

    Ich mach mal kurz aus dem Bruce Sprigsteen Hit "Born in the USA"....
    ........."Back in the USA"...
    Ich freu mich auf weitere Einträge und bin gespannt wie die Reiseroute durch die USA verläuft.
    Liebe Grüße aus Good Old Germany
    Michael und Silvia

  • #3

    Michael und Silvia (Dienstag, 18 Februar 2020 10:46)

    Wir drücken Euch alle vier Daumen, das Ihr keine weiteren Probleme mit den Motorrädern habt.
    Nicht das es in Texas auf einmal heißt: "Houston, wir haben ein Problem " (-;

  • #4

    Rosie & Jochen (Mittwoch, 19 Februar 2020 12:54)

    Ja , wir waren alle da und haben Euren LUPO bewacht !
    Weiterhin gute Fahrt, macht weicher so, Ihr seid Spitze !!!

  • #5

    Helg u. Horst (Donnerstag, 20 Februar 2020 20:08)

    Mein Gruss an euch ist leider in den letzten Blog geraden
    nochmal gute Fahrt und bleibt gesund.

  • #6

    g+g (Sonntag, 23 Februar 2020 16:21)

    Hallo!!! Gabriele war ganz begeistert von dem wunderbaren Kalender. Wir zwei hatten einen schönen Nachmittag damit und haben uns amusiert. Wir finden es toll, wie ihr zwei miteinander umgeht und Freude miteinander habt. Dem Papa geht es gut, gleich fahren wir zur Rotkeuzhütte und nehmen eine Schlemmerplatte zu uns (Wurscht, Senf und Brot). Vielleicht liegt noch ein bisschen Schnee vor der Hütte. Hier ist jeden Tag ander Wetter, Sturm, Schnee, Sonne, Regen . . . . Lasst es euch guten, macht weiter so, wir wünschen euch große Freude und Gottvertrauen, Gisi und Ernschtl