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Im Herzen Mexikos

 

Dass Hitze nicht so unser Ding ist, weiß vermutlich jeder, der uns kennt. In der Wüste mag das noch in Ordnung zu sein, aber spätestens seit Mazatlán wissen wir, dass tropische Wärme nichts für uns ist. Umso erfreulicher ist ist doch, dass sich die Straßen und Städte im mexikanischen Hochland immer irgendwo zwischen 1800 m und 2200 m befinden. Wer an 2200 m denkt, dem fallen in Europa vermutlich zuerst die Pässe der Alpen ein, doch wo auf mitteleuropäischen 2000 m längst kein Baum mehr wächst, erfreut sich das mexikanische Hochland lebendiger Vegetation und reichlich Ackerbau.


In den Sommermonaten wollten wir trotzdem nicht hier sein, denn auch im mexikanischen Hochlandwinter kann die Sonne ziemlich brennen und für Tagestemperaturen um die 20°C sorgen. Nachts hingegen wird’s auch mal einstellig und obwohl die Häuser hier weder Heizungen noch Klimaanlagen haben, müssen wir dank mehrerer Decken nie frieren. Dass selbst im kühlen Kanada und in den USA sowieso praktisch jedes Haus über eine energieintensive Klimaanlage verfügt, zeigte uns wieder einmal, wie unterschiedlich doch die Definition von „Luxus“ sein kann.

 

Nach der positiven Erfahrung in Zacatecas sind wir bis auf Weiteres vom Zelt auf Zimmer umgestiegen. Zum einen, da Zelten mangels Zeltplätzen für uns nicht in Frage kommt und zum anderen, da hier in Mexiko das Vermieten von Privatwohnungen per Internet äußerst populär ist. Unsere geliebte Spontaneität wird dadurch leider erheblich eingeschränkt. Da es hier jedoch außer den großen Städten ohnehin nicht so viel zu sehen gibt, haben wir uns gut damit arrangiert und fahren in angenehmen Tagesetappen von der einen zur nächsten Stadt.

 

Nach Zacatecas folgte die Stadt Aquascalientes. Doch nicht nur bei der Unterkunft, sondern auch bei der Wahl der Route nehmen wir Abstriche in Kauf, denn nicht selten mahnen uns die Einheimischen, die kleinen Landstraßen zu meiden und stattdessen besser auf den mautpflichtigen Bundesstraßen zu bleiben. Auch das deckt sich mit den Warnungen des auswärtigen Amtes und es ist nicht ausschließlich die Sorge, Opfer eines kriminellen Anschlags zu werden, sondern auch das immer wiederkehrende Erlebnis, dass die Mexikaner eher bescheidene Autofahrer sind. Solange zwei Spuren in eine Richtung führen haben wir nichts zu befürchten, werden aus zwei Spuren jedoch eine, sieht die Welt schon anders aus. Die Tatsache, dass auf der entgegenkommenden Spur gerade ein Lkw, der einen anderen Lkw überholt und von einem weiteren Pkw beim Überholen überholt wird, hält natürlich niemanden davon ab, uns auch noch auf unserer Spur zu überholen und oft hilft nur ein beherztes Ausweichmanöver auf den Standstreifen um Schlimmeres zu verhindern. Nach vorheriger Abneigung lernten wir die Mautautobahnen somit schnell zu schätzen.

 

 

Angekommen in Aquascalientes staunten wir nicht schlecht, als wir plötzlich vor einer Schranke standen. Unsere Unterkunft befand sich in einem riesigen, durch Mauern, Stromzäune und Sicherheitspersonal bewachtem Wohngebiet. Um einzutreten mussten wir ein Ausweisdokument hinterlegen. Das war die Stunde unserer in Kalifornien noch eilig angefertigten Kopien, aber später mehr dazu. Hier brauchten wir uns wenigstens keine Sorgen um die Motorräder zu machen, wohl aber um das Interieur des schicken Hauses. Unsere Gastgeber waren eine junge Mexikanerin und ihr Freund, denen das Haus gehörte. Als Psychologin und Anwalt gehörten sie definitiv einer überdurchschnittlich hohen Gesellschaftsschicht an, was sich auch in der wertvollen und geschmackvollen Einrichtung des Reihenhauses und unseres Zimmer widerspiegelte. Kaum trauten wir uns, mit unserem von sechs Monaten Reise gezeichneten Gepäck und den plumpen Motorradstiefeln das schicke Haus zu betreten.

 

Aquascalientes wirkte nach Zacatecas nicht mehr allzu besonders und nach kurzem Stadtbummel und dem ersten Regen seit vielen Wochen beschlossen wir, uns etwas Bildung in Form eines Museumsbesuchs zu gönnen. Genauer gesagt besichtigten wir das „Museum des Todes“: ein ziemlich gruseliges Thema und oft ziemlich beklemmend, aber auch hochinteressant. In Mexiko wird der Tod als Teil des Lebens gesehen und immer im November mit einem großen Fest gefeiert. Die Ausstellung befasste sich mit Kunstobjekten und Gemälden aus der Vergangenheit bis in die Moderne und war wirklich beeindruckend.

 

 

Dass es als Vegetarier in Mexiko nicht immer einfach sein würde war uns von vorneherein klar, aber dennoch sind wir immer wieder überrascht, was dieses Land für uns an Nahrungsangeboten hervorbringt. In einer touristischen Stadt wie La Paz konnten wir uns die Existenz eines vegetarischen Restaurants noch ganz gut mit den Urlaubern aus den USA erklären. Doch als wir in einem Ort wie Aquascalientes, wo wir wieder einmal eindeutig die einzigen Touristen nicht mexikanischer Herkunft waren, in einer unscheinbaren Seitenstraße vor einem prall gefülltem Taco-Restaurant namens „Avocado Punk“ wiederfanden, staunten wir nicht schlecht. Eine Garage mit Tier-Grafittis und Konzertplakaten an den Wänden und jungen Menschen mit viel bunter Haut und Metall im Gesicht. Die veganen Burger waren große Klasse! Dass junge Menschen in dieser Gegend den Mut und die Kraft aufbrachten, so einen Laden zu führen, imponierte uns gewaltig. In einem Land, in dem Fleisch noch weit mehr als in Deutschland in der Esskultur verankert ist und die Menschen auch sonst genügend andere Probleme haben auf jeden Fall ein starkes Statement!

 

 

Beim Verlassen unserer Wohnsiedlung gab Lukas dann das Kärtchen, dass er im Tausch gegen seinen (gefälschten) Ausweis zurück und erhielt dann im Tausch den Personalausweis eines offensichtlich älteren Mexikaners mit landestypischem Schnauzbart. Der Frau im Pförtnerhäuschen schien das aber überhaupt nicht unangenehm zu sein und so ging sie mit ihrem Kollegen alle Ausweise durch bis der richtige letztendlich gefunden war. In jedem Fall hatte der nicht ganz echte Ausweis hier erstmals seine Berechtigung, denn er hätte problemlos auch versehentlich in die Hände eines Fremden gelangen können: Vorsicht ist (also doch) die Mutter der Porzellankiste.

 

Unser nächstes Ziel nach Aguascalientes stellte Guanajuato dar. Das auswärtige Amt bittet Reisende in den gleichnamigen Bundesstaat zu äußerster Vorsicht und unsere Internetrecherchen haben ergeben, dass im Dezember in einzelnen in diesem Bundesstaat gelegenen Städten eine erschreckend hohe Mordrate vorherrschte. Über die Stadt fanden wir nichts Beunruhigendes, sondern eher spannende Informationen, die uns verlockten, die Stadt auf eigene Faust zu entdecken: Die ehemalige Bergbaustadt liegt teilweise an Steilhängen des mexikanischen Hochlandes, ist stark untertunnelt und scheint touristisch mehr erschlossen zu sein, als wir gedacht hätten. Unsere kleine gemietete Wohnung lag am steilsten aller steilen Steilhänge (zumindest empfanden wir das bei der Anfahrt so) und stellte für unsere kleinen überladenen Motorräder eine exklusive Herausforderung da. Stefanie bat den Wettergott darum, die Schleusen bei der Abfahrt bitteschön geschlossen zu halten, denn die steil abfallenden Straßen waren nicht geteert, sondern sehr uneben gepflastert und vereinzelt mit in Längsrichtung angebrachten Gittern versehen. Auf die Rutschpartie bei Regen konnten wir gerne verzichten!

 

 

Unser Gastgeber, ein Wahl-Mexikaner, der aus den USA stammt, begrüßte uns herzlich in seinem Haus, das blitzblank und sehr hübsch landestypisch (also mexikanisch, nicht amerikanisch) eingerichtet war. Unsere Herzen hüpften zunächst, als wir Gasita, seiner langhaarigen Katzendame begegneten, jedoch stellte sich das Interesse als äußerst einseitig heraus, sodass wir enttäuscht von ihr abließen. Am Abend jedoch wendete sich das Blatt: Ein kecker junger Kater machte sich lautstark an uns heran, steckte sein Köpfchen in jede Tasche hinein, erkundete unsere Bleibe und ließ sich auffordern auf unserem Bett nieder: Hier bin ich, streichelt mich, ich bin süß! Na, der Aufforderung kamen wir sehr gerne nach. Es ist schwer zu sagen, ob Señor Mauzo (wie wir ihn tauften) unsere Anwesenheit mehr genoss oder wir seine. Da wir uns nicht sicher waren, wie stubenrein er ist, setzten wir ihn vor dem Zubettgehen vor die Tür, wo er sich noch lange über diese erfahrene Ungerechtigkeit beklagte. Am folgenden Morgen wurden wir von ihm wachgemaunzt, doch als wir später die Tür öffneten, war er verschwunden – vermutlich im Haus eingesperrt. Wir zogen los, die Stadt zu erkunden und merkten schnell, dass sie wunderschön und absolut besuchenswert war. Zu Fuß entdeckten wir viele hübsche Straßenzüge, kleine Parks und andere Freuden des Reisenden (zum Beispiel eine Art europäische Bäckerei). Nicht von der Hand zu weisen waren die auffallenden Mengen an Touristen, wie wir sie schon lange nicht mehr gesehen hatten. Schnell hatten wir den Eindruck, dass hier das passiert, wie es an vielen touristischen Orten der Welt auch der Fall ist: Ein eigentlich sehr schöner Ort verliert ein Stück weit seinen Charme: Man wird automatisch auf Englisch angesprochen, Waren werden einem lustlos angeboten und aus den Läden mit mexikanischen Waren plärrt englischsprachige Popmusik aus den Neunzigern. Und so kam es, dass wir beide Zacatecas als viel charmantere Stadt wahrgenommen hatten – Guanajuato wirkte so seelenlos auf uns, dass wir bald das Weite suchten. Beladen mit den obligatorischen zehn Litern Trinkwasser krochen wir auf unseren steilen Berg hinauf uns genossen dort den Abend. Der Tag nach dem Stadtbesichtungstag war ganz der Büroarbeit gewidmet: Ein Blogartikel wurde geschrieben, Fotos von den Kameras und Handys auf den Computer kopiert, Ausgaben- und Kilometerstand-Listen wurden aktualisiert und Tascheninhalte optimiert (immer noch zu schwer ;-).

 

 

Unser nächstes Ziel sollte Querétaro sein, wo wir ein kleines Häuschen mit vier Wohneinheiten gefunden hatten. Durch unsere wachsenden Erfahrungen mit dem Mieten einer Privatunterkunft werden wir immer besser darin, sichere Unterstellmöglichkeiten für die Motorräder ausfindig zu machen; diesmal fanden wir uns in einem modernen Hochsicherheitsbunker mit hohen Mauern, Überwachungskameras, doppelt gesicherten Türen und Stromzaun über der Mauer wieder. Unser kleines Heim war schnell eingerichtet, sodass wir uns gleich wieder heimelig fühlten. Dennoch hinterließen die erfahrenen Sicherheitsvorkehrungen ein merkwürdiges Gefühl bei uns. Für den (in unseren Augen nicht vorhanden) Charme der Stadt konnten wir uns nicht erschließen, sodass wir entschieden, diese Stadt unbesichtigt zu lassen.

 

 

Schon vor längerer Zeit entdeckte Lukas Informationen über ein Städtchen, welches Gebäude aus vorhispanischer Zeit beherbergt: Tula de Allende. Doch hier gilt: Fortsetzung folgt!

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Honda4Ever (Dienstag, 28 Januar 2020 20:05)

    Die beiden Chamäleons Stefanie und Lukas haben sich gut der neuen Situation in Mexiko angepasst.
    Auf unseren Reisen rund um die Welt haben wir auch schon in einigen "Hochsicherheitstrakts"
    gewohnt und ein mit Maschinengewehren bewachtes Restaurant gehörte zum Reisealltag.

    Zacatecas bekannt für Pancho Villa gehört sicher zu den städtischen Highlights Mexiko , schön die
    Stadt für sich zu entdecken.

    Weiterhin eine Gute Fahrt nach dem Motto Safety First und lasst Euch nicht von Brummis überrollen;-)






  • #2

    Rosie und Jochen (Dienstag, 28 Januar 2020 21:16)

    Buenas Dias , liebe Stefanie und lieber Lukas,

    da Ihr ja nicht bis zum "Dia de los Muertos " vom 1. bis 2. November 2020 bleiben werdet, war es klug, Euch die "Totenkopf-Kunst" im Museum anzuschauen. Wir wurden an den James-Bond-Film "SPECTRE" erinnert, wo wir den "Day of the DEAD " als the best Part of the film empfinden !

    DIOS T PRO Tija

  • #3

    Helga u. Horst (Mittwoch, 29 Januar 2020 17:59)

    Hallo, Stefanie u. Lukas.

    Wie so oft im Leben liegen Schönheit und Gefahr dicht beieinander,
    genießt das Schöne und habt acht vor der Gefahr.
    Euere Berichte sind spannend wie immer und die Bilder sagen ja auch so manches aus.
    Wir wünschen euch noch viele schöne Erlebnisse und eine sichere Weiterfahrt.
    Es grüßen aus der Heimet eure O. u. Os.