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La Paz II

 

Hallo zusammen!

 

Dies ist der erste Beitrag in diesem Jahr, 2020 und zunächst möchten wir dir, lieber Leser, liebe Leserin, ein gutes neues Jahr, Gesundheit, Glück und viel Freude wünschen! Wir freuen uns übrigens immer sehr über euer Feedback bezüglich unserer Texte – egal, ob unter dem Text selbst, per E-Mail oder auf welche Weise auch immer. Es ist schön, dass es Menschen gibt, die immer bei uns sind, obwohl sie so weit weg sind. Dafür danken wir euch.

 

Nach unserer ersten Woche in La Paz fuhren wir für die „Weihnachtswoche“ (wie sie von der Sprachschule genannt wurde, die in selbiger Woche geschlossen ist) nach El Sargento, um dort die Weihnachtsfeiertage zu verbringen. Unser Plan, in dieser Woche unser neu erworbenes Spanisch anzuwenden und zu festigen, schlug so sehr fehl, wie wir es nicht für möglich gehalten hätten: Der komplette Campingplatz war von Amerikanern und Kanadiern bevölkert, allgemeine Verkehrssprache war also Englisch. Es war auffallend, wie freundlich, offen und familiär alle auf dem Campingplatz wirkten und wir fühlten uns sehr willkommen. An Heiligabend wurde ein sogenanntes „Potluck“ veranstaltet, eine Art Buffet, zu dem jeder etwas mitbringt und mit den anderen teilt. Auf dem Whiteboard, an dem man sein Mitbringsel vorab ankündigen konnte, entdeckten wir auch vegetarische und vegane Speisen – sehr gut. Da wir mit einem Potluck nicht gerechnet und somit nicht dafür eingekauft hatten, waren in unserem Essensrucksack nur Zutaten der üblichen Art vorhanden: Obst, Gemüse, Nudeln und so weiter. Wir eruierten, dass mit den vorhandenen Ingredienzien in angemessener Menge nur eine Gemüsesuppe möglich ist – also Gemüsesuppe. Wir deklarierten sie als „vegan“ und sie war beim Potluck – wir wollen uns ja nicht selbst loben – echt der Renner. Als wir am Heiligabend mit Clee und Lynn (zwei kanadische Fahrradfahrer, in der Bildmitte, kannten wir schon aus Loreto) und mit Rachel und ihrem Freund (dessen Namen wir leider vergessen haben, beide links im Bild) in Kontakt kamen, fühlten wir uns sehr wohl und genossen einen Abend mit anregenden Gesprächen mit Menschen sehr ähnlicher Gesinnung.

 

Außerordentlich nervig war auf diesem Platz die wieder einmal laute und unreflektierte Art einiger US-Bürger, wie wir sie schon öfters erlebt haben: laute Gespräche morgens um sechs vor unserem Zelt, aufdringliche Motorradgespräche, während wir frühstücken wollen... Und die obligatorischen uns verfolgenden Fragen: „How many miles?“ - „Where do you go next?“ - „Do you know the dirt road there?“ etc. Eeeek. Zum Davonlaufen. Mittlerweile sagen wir auch direkt heraus, dass wir Motorradreisende sind und das Motorrad als Fortbewegungsmittel gewählt haben und uns aber im Alltag eher als Fahrradfahrer sehen. Reaktion: göttlich, ungläubige Blicke, relativ schnell werden Gespräche beendet. Wir beide sind eben nicht auf der Welt, um Motorrad zu fahren.

 

Am 26. Dezember packten wir unsere Siebensachen auf unsere wie üblich überladenen roten Esel und zottelten von dannen. Auf einem Campingplatz in Los Barriles wollten wir uns niederlassen. Nachdem wir einen freundlichen Mexikaner davon überzeugt hatten, dass sein Platz nicht 300 Pesos kostete (wie er behauptete), sondern im Internet mit 250 Pesos ausgeschrieben war (woran er sich Hand-auf-die-Stirn-klatschend auch wieder erinnerte), blieben wir hier bis zum 29. Dezember. Wir fragten uns, warum wir noch an einen anderen Ort fahren sollten, hatten wir es hier doch so ruhig und schön. In der Stadt stolperten wir erneut über Lynn und Clee, die wir hier nun aber wirklich zum letzten Mal sehen sollten, kauften ein und verbrachten eine schöne Zeit auf unserem Campingplatz. Wir freundeten uns mit Emile an, der hier die Wege harkte und luden ihn auf einen Kaffee und Knabberbrezeln ein. An ihm konnten wir endlich unser Spanisch ausprobieren, da er, wie viele Mexikaner, kein einziges Wort Englisch sprach. Auffällig war, dass außer Emile kein einziger Mexikaner weit und breit zu sehen war; der Campingplatz schien eher die „Homebase“ vieler Amerikaner zu sein, die sich hier mit ihren Lieblingsspielzeugen (Motocrossmaschine, Quad, Kite-Surf-Equipment, Fully-Mountainbike) niedergelassen hatten. Emile meinte, dass auf dem Platz außer zwei Frauen niemand Spanisch spräche. Das erlebten wir immer wieder: überall Amerikaner, die alle auf breitestem Englisch zuquaken und sich nicht vorstellen können, dass man dem Englischen nicht mächtig sein könnte. Wir erlebten im Umgang mit den Mexikanern immer wieder Abneigung uns gegenüber, sodass wir uns außerordentlich anstrengten, so viel Spanisch wie möglich zu sprechen, um zu signalisieren, dass wir wirklich daran interessiert sind, mit ihnen in Kontakt zu treten.

 

 

In La Paz wartete ab dem 29. Dezember der „final showdown“ auf uns. Bei unseren Airbnb-Gastgebern, wo wir uns für die zweite Woche Spanisch leider schon eingebucht hatten, spitzte sich die Situation zu. Es war ein weiterer Hundewelpe eingezogen, der – genauso wie der erste Welpe – überall auf dem Hausboden sein Geschäft verrichtete. Es herrschte also permanente Tretbombengefahr. Außerdem war es in der Kuche schmuddeliger denn je und wir vermieden es um jeden Preis, irgendetwas auf dem Tisch abzulegen. Die Dame des Hauses führte wie schon zuvor einseitige Dialoge mit uns, sodass wir meistens in unserem Zimmer aßen. Durch die geschlossene Tür drangen lautes Gerufe und durchgehend Musik, sodass wir es mittlerweile bitter bereuten, die zweite Woche wieder bei dieser Familie gebucht zu haben. Der 9-jährige Junge verbrachte seine Weihnachtsferien vor der Konsole, spielte Killerspiele und schien sich von ungetoasteten Marmeladentoasts zu ernähren. Das geht uns alles einen feuchten Kehricht an, mag sich der eine oder andere denken. Das stimmt und daran erinnerten wir uns auch regelmäßig. Aber die armen Welpen, mit denen keiner Gassi geht, die Haufen und Pfützen überall, der kleine Junge, der den ganzen Tag digital mordet und der Lärm und das sinnentleerte Gerede setzten uns ganz schön zu. Am 30. Dezember ergab sich folgende Situation: Die Dame war weggefahren und wir bereiteten in der Küche unser Abendessen zu. Auf einmal betrat der Herr des Hauses den Raum und hatte tiefrote Augen, mehr noch als am Tag zuvor. Was er sagte und worum seine Gedanken kreisten, können wir nicht mehr wiedergeben, so wirr war es. Manchen Gedanken konnten wir kaum folgen und wir spürten beide, dass er auf irgendeine Weise unterschwellig aggressiv wurde, wenn man seinem Satz nicht verstanden hatte. Wir fühlten uns in die Ecke gedrängt, konnten wir doch nicht weg, weil wir mit dem Kochen beschäftigt waren. Bei der späteren Analyse der Situation waren wir beide einstimmig der Meinung, dass der Mann Drogen zu sich genommen haben muss, weil er wie ein fremder Mensch wirkte und erschreckend tiefrote Augen hatte. Angst ergriff uns, wir beratschlagten, was zu tun ist und waren beide der Meinung, dass wir auf der Stelle verschwinden sollten.

 

Kurz für euch zur Erklärung: Wir waren uns sicher, dass er uns niemals etwas antun würde, denn wir hatten den Eindruck, dass er uns wirklich mochte. Niemals würden wir allerdings in einem teilweise von Drogenkartellen beherrschtem Land davon ausgehen, dass wir unbeteiligt bleiben würden, wenn wir mit jemandem in Kontakt stehen, der Drogen konsumiert. Und genau das war hier der Fall, da waren wir uns sicher. Wer weiß, was er zu sich genommen hatte? Wer weiß, woher er es hatte? Wer weiß, mit wem er in Konflikt stand? Und wer kann uns vergewissern, dass wir nicht als Kollateralschaden enden würden, wenn dieser Jemand ihn zu Hause „besuchen“ würde?

 

Nachdem wir gegessen hatten, bemerkten wir, dass unser Hausherr mit dem Auto wegfuhr. Als er wiederkam, brüllte er von draußen er in kaum verständlichem Englisch nach oben zu seiner Partnerin, dass die Tür zu sei und sie ihm diese öffnen soll. Es folgte es kurzes, aber energisches Wortgefecht und unser Verdacht bestätigte sich: Er lallte und klang ziemlich aggressiv. Welche Droge rote Augen und Lallen verursachte, wussten wir nicht, aber das war uns egal. Wir sahen uns an und wussten, dass unser Plan feststand: packen und abhauen. Wir schlichen in die Küche, klaubten unsere Sachen zusammen und verteilten alles auf die sich in unserem Zimmer befindenden Motorradtaschen. Irgendwann wurde es oben auffällig ruhig und wir besprachen unser weiteres Vorgehen. Wenn wir nun abhauen, bekommen sie es mit. Vielleicht wird er aggressiv? Offensichtlich schlief er ja nun den Schlaf des zugedröhnten Kolumbianers. Da es weiter ruhig blieb, entschieden wir uns, einen unauffälligen Plan auszuhecken und am folgenden Morgen zu fahren.

 

Gerne hätten wir unsere Bedenken mit unserer Gastgeberin besprochen, aber sie war am Folgetag nicht da und reagierte nicht auf digitale Anfragen. Wir bepackten leise unsere Motorräder und erzählten dem Mann, wir führen für den Jahreswechsel zu Freunden und verabschiedeten uns anständig. Der Mann nahm dies scheinbar uninteressiert zur Kenntnis. Mit Herzklopfen bis in den Helm hinein brausten wir davon. Im Walmart trösteten wir uns erst einmal mit einem straymoto-üblichen motorradüberladenden Silvestereinkauf und fuhren zu dem Campingplatz kurz vor den Toren von La Paz, wo wir vor Weihnachten schon einmal eine Nacht verbracht hatten.

 

Nachdem wir das Zelt aufgebaut und alle Dinge verstaut hatten, setzten wir uns auf einen Baumstamm und betrachteten den Sonnenuntergang. Das Erlebte ließ uns nicht los und immer wieder sprachen wir darüber. Wir überlegten auch, was wir der Frau schreiben sollten, ob wir uns überhaupt melden und ob wir ihr mitteilen sollten, dass wir der Meinung waren, das Zimmer in ihrem Haus sollten auf keinen Fall vermietet werden, solange dieser Mann in ihrem Haus wohnte. Wir wussten nur eins: Wir waren weg. Wir waren wieder frei! Wir hatten auf unser Gefühl gehört und das war goldrichtig!

 

Den restlichen Tag widmeten wir uns den Silvestervorbereitungen und kreierten eine Benzinkocherlasagne, sozusagen Level 3 nach der Benzinkocherpizza und dem Benzinkocherbrot. Das neue Jahr wurde in La Paz denkbar ruhig eingeläutet, auf Feuerwerke wird hier verzichtet, was uns verwirrte uns aber als Umwelt- und Tierschutzsicht entgegenkam.

 

 

Wir genossen unsere zweite Woche Spanischkurs, lernten und übten fleißig und freuten uns, in Ruhe auf unserem Campingplatz zu sein, wo wir auch den Pool nutzen durften. Wie ihr den Fotos entnehmen könnt, fanden hier auch Wartungsarbeiten an den Motorrädern statt: Endlich wurden sie ausgiebig gereinigt und die mittlerweile grenzwertig gelängte Kette gegen eine neue eingetauscht, sie wir seit Lakeport mit uns herumtrugen. Außerdem tauschten wir Ritzel und Kettenblatt aus, wobei wir uns für eine andere Übersetzung entschieden, sodass sich das Fahrverhalten im Gelände verbessert und die Maschinen etwas besser beschleunigen.

 

 

Übrigens sahen wir unsere ehemalige Gastgeberin noch einmal zufällig wieder und zwar an der Sprachschule. Der reale und auch der später folgende digitale Austausch ergaben, dass sie unserer Meinung nach ihren Partner nicht realistisch sieht und wir in diesem Leben auf keine gemeinsame Wellenlänge mehr kommen...

 

Übrigens werden wir am neunten Januar nach Mazatlán übersetzen, worauf wir uns sehr freuen! :) Bis bald, schreibt uns doch gerne in die Kommentare, wie ihr den Jahreswechsel erlebt habt.

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Kommentare: 4
  • #1

    Uwe aus Gö (Sonntag, 05 Januar 2020 15:39)

    Ihr lieben motorradfahrenden Fahrradfahrer ;-)
    herzlichen Dank für euren "Neujahrs"- Bericht.
    Habt auch ihr ein frohes, gesegnetes, gesundes 2020.
    Sehr gut, dass ihr jetzt spanisch lernt, sonst würde euch wohl noch so manches "spanisch" vorkommen.
    Ihr seid echt fleissig und dann noch euer ausführlicher Blog mit schönen Fotos ( vielen Dank dafür). Hier ist es gerade feucht, trüb, kühl und es tut gut eure bunten Bilder mit blauem Himmel, Strand und Meer .... und mehr, anzuschauen und von Land und Leuten mehr zu erfahren.
    Nächste Woche ist in Gö das Fernwehfestival, da könnte ich mir euren Reisebericht auch gut vorstellen.
    Die Geschichte mit dieser speziellen Familie ist wirklich krass, gut und absolut nachvollziehbar, dass ihr da die Flucht ergriffen habt.
    Habt eine gute Überfahrt auf das Festland, da seid ihr mit der Fähre ja auch einige Stunden unterwegs .... es bleibt spannend.
    Liebe Grüße
    Uwe und Christiane

  • #2

    Aisch (Sonntag, 05 Januar 2020 20:03)

    Hallo ihr Lieben,
    ich habe geduldig auf den nächsten Blogeintrag (nennt man das so?) gewartet, nun ist er da! Es tut mir sehr leid für euch dass ihr euch zum Schluss mit dermaßen schlechten Gefühl aus der Airbnb Unterkunft davon machen musstet. Es hat ansonsten wieder ziemlich Spaß gemacht im Blog zu lesen, mir gefällt wie ihr schreibt! Die Bilder gefallen mir auch, ich muss mich immer zügeln nicht zu erst alle Bilder anzusehen und im Anschluss zu lesen ;) übrigens, das Bild mit Lukas als er am Motorad hockt und es glaube ich putzt, ist sehr schön! Dann bin ich gespannt was euch die Nächten Tage bringen.

    Ganz viele Grüße aus Verden

    Ayse

  • #3

    Helg u. Horst (Dienstag, 07 Januar 2020 15:33)

    Euer Bericht wird immer spannender, muss aber
    nicht auf die Spitze getrieben werden.
    Wir sind uns sicher, dass ihr alles im Griff habt.
    Wie man sieht habt ihr das Weihnachtsfest in bester
    Gesellschaft verbracht und seid auch gut ins
    neue Jahr gekommen.
    Wir wünschen euch eine gute Überfahrt.
    Weiterhin alles Gute bleibt gesund passt auf euch auf.
    Liebe Grüsse O. u. O.

  • #4

    Rosie und Jochen (Montag, 13 Januar 2020 06:47)

    Holla, liebe Stefanie & lieber Lukas ,

    Eure Fotos anzuschauen vermittelt uns ein wundervolles Urlaubs-Feeling : Sonne, Strand , Romantik , sorgloser Alltag , Selbstdisziplin, Bildung, rundherum ein buntes Paket an Erfahrungen , die Euch wie ein Juwel im Buch. Eures Lebens leuchtet.

    Wir haben Silvester mit unseren Nachbarn aus der Dominikanischen Republik gefeiert und schön nach karibischen Klängen getanzt. VIVA LA VIDA !

    Seid herzlich gegrüßt und macht weiter so und achtet gut auf Eurer Bauchgefühl, das ist ein wichtiger Sensor, um im Leben weiterzukommen !

    LG

    Rosie & Jochen