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erste Mexiko Er-fahrungen

Wie immer wussten wir im Vorfeld (beabsichtigt!) nur sehr wenig über die von uns bereiste Gegend. Bei der Baja California bedeutete dies, dass wir uns eine einsame Straße durch endlose Halbwüsten mit unzähligen Riesenkakteen vorstellten und wie so oft liegen Vorstellung und Realität mal mehr und mal weniger dicht beieinander – doch dazu später mehr. Der Norden der Halbinsel ist geprägt durch endlose Obst- und Gemüseplantagen und diverse kleinere Ortschaften. Es ist laut, schmutzig und über die in den Plantagen herrschenden Arbeitsbedingungen wollen wir lieber gar nicht erst nachdenken. Immerhin werben zumindest manche damit, keine Kinderarbeit zuzulassen. Hier zeigte sich jedenfalls eindrücklich, wie abhängig der große Nachbar im Norden doch von den Mexikanern ist.

 

Die Regenfälle der letzten Tage gingen auch an uns nicht spurlos vorüber. Sämtliche Straßen abseits der Hauptroute MEX1 verwandelten sich in knietiefe Matschlöcher mit starken Spurrillen und so wurde mancher Abstecher zu einer echten Tortur.

 

Aufgrund der Regenfälle entschieden wir uns dazu, in El Rosario ein Zimmer zu nehmen. Das ist hier kaum teurer als ein Campingplatz und erstaunlicherweise war es das sauberste Zimmer unserer gesamten Reise und selbst das Bett blieb bisher unerreicht. (Zum Glück haben wir eine sehr nützliche App, die uns bei der Platzwahl schon öfters weitergeholfen hat.) Wie immer war ein entscheidender Faktor für die Zimmerwahl, dass die Motorräder sicher im Innenhof stehen können. Hier bedeutete dies, dass sämtliches Gepäck abgenommen und die Maschinen durch diverse enge Gassen und verwinkelte Ecken manövriert und hin und her gekippt werden mussten... Doch vor dem Zimmer geparkt hätte sie unter Garantie niemand unentdeckt entwenden können.

Nach einem Tag in dem staubigen Nest ging es dann los in Richtung Süden. Über 300 km ohne Tankstelle kamen auf uns zu, die dank unserer großen Zubehörtanks kein Problem darstellten.


Und es dauerte nicht lange und da waren sie: Kakteen. Kakteen wie aus dem Bilderbuch. Hunderte, tausende, bis zum Horizont. Hier hat wirklich alles Stacheln. Und trotzdem wurde die Landschaft nicht langweilig. Immer wieder wechselten sich sandige Abschnitte mit steinigen ab.

 

Geröllhaufen mit metergroßen Kieselsteinen und dazwischen das prachtvolle Grün der frisch gegossenen Stachelpflanzen – ein Blickfang nach dem anderen.

 

Da hier ansonsten auch nicht viel los ist, stellte das Finden eines Platzes für die Nacht eine gewisse Herausforderung dar. Zwar ist es bei Reisenden auch hier nicht unüblich, sich abseits der Hauptroute mit dem Zelt einen Platz in der Wildnis zu suchen, doch das Internet ist übersät mit Berichten von Überfällen und ähnlichen unangenehmen Begegnungen. Das muss jeder selbst wissen und Radreisenden bleibt wohl oft nichts anderes übrig, aber wir haben beschlossen, hier auf das Wildzelten zu verzichten. Aber immerhin, selbst in dieser Einöde leben Menschen und vereinzelt gibt es kleine Siedlungen. Bei einer davon durften wir schließlich unser Zelt kostenlos im Hinterhof eines Restaurants aufstellen. Im Gegenzug beschlossen wir, zum Dank dort zu Abend zu essen. Wie so oft schrumpfte das Menü dramatisch zusammen, als wir offenbarten, weder Fisch noch Fleisch zu essen, doch freundlicherweise bekamen wir dann jeweils drei mit Käse gefüllte Teigtaschen serviert. Ansonsten sah die mexikanische Küche für uns übrigens so aus: Wir decken uns im Laden mit lokalen Köstlichkeiten, wie z.B. Jalapenos, Tortillas, Obst und Gemüse ein und kochen damit einfach selbst. Wir werden uns aber alsbald daran wagen, auch einmal essen zu gehen, doch dann muss es ein vegetarisches oder veganes Restaurant sein, wo man als Vegetarier nicht dazu verdammt ist, nur Beilagen zu essen. Außerdem macht die Auswahl an Lebensmitteln wirklich Lust auf's Selbstkochen.

 

Schon bei unserer Ankunft auf dem Platz bei dem Restaurant fielen uns die vielen (zum Glück freundlich gesinnten) Hunde auf. Leider wurden diese immer dreister und bettelten fortan ohne Unterlass nach Futter, streunten um unser Zelt und ließen nicht von uns ab, teilweise auch unter körperlicher Belästigung. Generell hat unsere Hundeliebe schon seit einiger Zeit etwas zu bröckeln angefangen. Hier im Mexiko gibt es viele Hunde und anders als in Deutschland scheinen diese hier ein recht freies Leben zu genießen. So kommt es dazu, dass einfach immer und überall unangeleinte Hunde anzutreffen sind, was im Grunde nicht weiter schlimm ist, da diese meistens freundlich auftreten und bis auf wenige höchstens als bettelnde Flohbeutel in Erscheinung treten. Doch sobald wir auf dem Motorrad sitzen, sieht das Ganze leider anders aus. Jetzt sind wir ein beliebtes Angriffsziel und werden mit Vorliebe verfolgt. Bis zu 40 km/h rennen die Biester zähnefletschend neben uns her und glücklicherweise gab es bisher noch immer einen Fluchtweg. Auch um unsere Lederstiefel sind wir sehr froh, aber ständig fährt die Sorge mit, abgelenkt durch einen Hund, einen Unfall zu verursachen. Nicht selten sehen wir überfahrene Vierbeiner am Straßenrad liegen, doch hier scheint diese offene Art der Hundehaltung durchaus Normalität zu sein. Einmal mehr sind wir froh um unsere Tollwutimpfung und präparieren uns fortan regelmäßig mit Stöcken und Steinen zur Abwehr der lästigen Vierbeiner, die durch ihr Raubtiergebiss einigen Schaden in menschlichen Waden anrichten können.

 

Nach einer Nacht mit wenig Schlaf (dank Männergeschrei, bellender Hunde und lauter LKWs, die mit Motorbremse in den Ort „krachen“) schafften wir es tatsächlich, schon um viertel vor Acht auf der Straße zu sein und verlegten unser Frühstück in die Wüste, ein „Wüstück“ sozusagen.

 

Wer sich die Baja California auf der Landkarte ansieht, wird feststellen, dass die Hauptroute MEX1 quasi im Zickzack von Nord nach Süd führt. Eindrücklich erreicht die Straße erstmals in Santa Rosaría den Golf von Kalifornien und folgt dem Ufer über mehrere hundert Kilometer. Da wir wieder einmal etwas Zeit am Meer verbringen wollten, fuhren wir einen Campingplatz direkt am Ufer an und staunten nicht schlecht, als der Besitzer uns tatsächlich den doppelten Preis abknöpfen wollte, da wir ja schließlich zwei Fahrzeuge haben. Wir konnten uns ein ungläubiges Lachen nicht verkneifen und zeigten auf das zehn Tonnen schwere Expeditionsmobil auf dem Nachbarplatz, dass offensichtlich als ein Fahrzeug zählte und zurück auf unsere kleinen Motorräder. Doch nichts zu machen, er blieb stur und auch unsere 50 Wörter Spanisch halfen vorerst nicht weiter. Schließlich bot er uns einen Kompromiss von einem Preis irgendwo in der Mitte an. Wir lehnten freundlich ab und setzten unsere Helme auf und siehe da – auf einmal war es kein Problem mehr, wir bekamen den regulären Preis! Generell darf hier aber nicht unerwähnt werden, dass dieses Verhalten bisher die absolute Ausnahme war und wir manchmal sogar weniger bis gar nichts bezahlen mussten und grundsätzlich freundlich behandelt wurden.

 

 

Äußerst auffällig ist jedoch die Anzahl amerikanischer Wohnmobile hier im Süden der Baja. Leider macht es den Eindruck, dass viele der von den Einheimischen abschätzig als „Gringos“ bezeichneten US-Amerikaner und Kanadier ausschließlich wegen des Wetters und der niedrigen Preise hier zu sein scheinen. Sie selbst bezeichnen sich als „Snowbirds“ die vor den kalten Wintern in ihren Heimatregionen flüchten und selbst deutsche „Snowbirds“ scheint es hier, der Menge deutscher Wohnmoile nach, in rauen Mengen zu geben. Nicht selten haben wir das Gefühl, die einzigen Touristen überhaupt zu sein, die ein Interesse daran haben, die Sprache und damit auch die Einheimischen kennenzulernen. Allzu oft taut ein Gespräch mit Einheimischen erst auf, wenn wir mit unseren wenigen spanischen Wörtern zu zeigen versuchen, dass uns eben nicht egal ist, wer da vor uns steht. Aus diesem Grund haben wir beschlossen, zusätzlich zu unserer halben Stunde Online-Kurs pro Tag einen richtigen Sprachkurs in La Paz (der Hauptstadt der Baja California) zu besuchen.

 

Da bis zum Beginn des Sprachkurses noch eine ganze Woche lag, beschlossen wir, noch einige Tage am Golf von Kalifornien zu verweilen und die letzte Etappe durchs Inland am Ende schnell hinter uns zu bringen. Die Strecke nach Loreto führte entlang der Küste vorbei an wunderschönen Buchten mit traumhaften Campingplätzen unter Palmendächern und ihr könnt euch vorstellen wie gern wir geblieben wären, doch ohne Wasser und Essen und blieb uns leider vorerst nichts anderes übrig, als weiter zu fahren. In Loreto selbst, einer wirklich schönen Kleinstadt, ließen uns die Strände aber nicht los, sodass wir beschlossen haben, mit genügend Wasser und Essen dorthin zurückzukehren!

 

Eine völlig neue Erfahrung ist übrigens das Klima hier. Zwar ist es laut Thermometer kaum wärmer als 25°C, aber die hohe Luftfeuchtigkeit macht die Luft wirklich unangenehm. Die trockene Wüstenhitze steckten wir beide noch ganz gut weg, aber der Gedanke an über 30 °C und 100 % Luftfeuchtigkeit in den tropischen Gebieten Mexikos bereitet uns schon jetzt Kopfweh und deshalb werden wir uns in Mexiko selbst wohl eher im kühleren Hochland aufhalten und sind uns jetzt schon sicher, dass es für uns die absolut richtige Entscheidung war, Mittelamerika nicht mit dem Motorrad zu bereisen.

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Uwe aus Gö (Mittwoch, 11 Dezember 2019 13:33)

    Was habt ihr inzwischen an Landschaften durchreist- von den Kanadischen Wäldern mit Bären bis hin zu den Kakteenwüsten Mexikos mit Geiern, dann die ganzen Städte, Dörfer, Länder und Leute- alles immer spannend und interessant.
    Weiterhin eine pannenfreie Fahrt, bleibt gesund und meistert eure Herausforderungen.
    Liebe Grüße aus dem kalt, verregneten Göttingen zwischen 2. und 3. Advent

  • #2

    Honda4Ever (Mittwoch, 11 Dezember 2019 20:17)

    Ja, so ist es "South of the Border"....
    Da kommen Erinnerungen hoch: Hunde , "Schlitzohren" und Kinder die Gringo hinter einem herrufen.
    Aber auch faszinierende, schweißtreibende Ruinenbesuche im Urwald von Südmexiko, freundliche
    lebensfrohe Menschen , koloniale Städte mit viel Musik und so vieles mehr gibt es zu entdecken.

    Spanisch ist der Schlüssel um tiefer in die mexikanische Kultur einzutauchen, die streng katholisch ist.

    Vor wildem Zelten würde ich allein wegen der Klapperschlangen abraten ;-)

    Wer es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, schaut sich mal die Videos der "BAJA 1000" an ,da sieht
    man wie staubig die Pisten vor dem großen Regen waren.

    Wir wünschen viel Spaß beim Spanisch Kurs und weiterhin ein bissfreie Fahrt, bleibt gesund und lasst
    Euch nicht über Ohr hauen.


  • #3

    Helga u. Horst (Samstag, 14 Dezember 2019 07:07)

    Hallo, ihr Weltenbummler.
    Weihnachten steht vor der Tür und ihr seid so fern der Heimat.
    Eure Reise wird immer abenteuerlicher, was ihr alles auf euch nehmt - alle Achtung.
    Wir hoffen, ihr findet ein besinnliches Plätzchen u. ein ( Tannenbäumchen ? )
    sowie ein kuscheliges Nest wo ihr die Festtage verbringen könnt.
    Wir sind in Gedanken bei euch und wünschen eine sichere Weiterfahrt.
    Liebe Grüße aus der Heimat O.u.O.