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Ent-TÄUSCHUNG

 

Enttäuscht sein, jemanden enttäuschen, sich selbst enttäuschen – wir alle kennen das und so gut wie immer haftet diesem Gemütszustand etwas Negatives an. Enttäuschung heißt für viele von uns, seinen eigenen oder fremden Erwartungen nicht gerecht zu werden und, egal ob das Erreichen dieser Ziele zu Beginn überhaupt möglich war, auf eine gewisse Art zu versagen.

 

Aber stimmt das wirklich?

 

Eine sehr gute Freundin von uns hat den Begriff des Enttäuschtseins einmal ganz anders formuliert:

Wer jemanden oder sich selbst enttäuscht, nimmt dem Gegenüber die Täuschung und ent-täuscht es. Anders als in der ersten, der allgemein angenommenen Variante, wird bei dieser Betrachtung angenommen, dass hier die Erwartungen von Anfang an unterschiedlich waren und in diesem Falle schlicht die Differenz zwischen der Erwartung und der Tatsächlichkeit offengelegt wird. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass das ent-täuschte Gegenüber einzig der eigenen Erwartung nicht gerecht wurde. Das Bewusstsein, nicht schuld daran zu sein, das das Gegenüber oder gar das eigene Ich von seiner Täuschung befreit wurde, kann sehr befreiend wirken und ungeahnte Welten eröffnen.

 

Zusammen hatten wir, lange vor beginn dieser Reise, einmal folgende These aufgestellt:

 

Nur wer Erwartungen hat, kann auch enttäuscht werden.“

 

Es sollte zu unserem Reisemotto werden und das ist es auch noch heute. Wir haben nie einen Reiseführer über eins der von uns besuchten Länder gelesen. Wir wussten rein gar nichts über die von uns bereisten Regionen, Städte und Landschaften. Aber wir wussten, dass es Menschen gibt. Menschen, die den Ort, in dem sie leben, besser kennen als es jemals ein Reiseführer zu tun vermag. Menschen, die da sind, wenn wir sie brauchen und die sich geehrt fühlen, ein Teil unserer Reise werden zu dürfen und uns voller Leidenschaft zeigen, wo und wie sie leben. Menschen, die uns in ihre Häuser einluden, uns bei den kompliziertesten Dingen halfen und dadurch zu Freunden wurden. Wären wir jedoch bereits am ersten August mit diesen Erwartungen gestartet, hätte es passieren können, das diese nicht erfüllt worden wären. Offenheit für Neues, Mut und eine Portion Neugier gehören dazu und ein augenscheinlich langweiliges Geschehen kann der größte Moment einer Reise oder gar im Leben werden.

 

Eine Sache gab es jedoch, die wir schon lange im Voraus geplant hatten – die Verschiffung unserer Motorräder von Los Angeles nach Valparaiso...

 

Als wir Kanada durchquerten, schien diese Reise endlos zu sein. Kilometer reihten sich an Kilometer, doch mit dem Eintritt in die USA kam eine lang verdrängte Frage wieder auf: Wie bekommen wir die Motorräder nach Südamerika? Kalifornien wurde zunehmend zur Sackgasse, doch wir waren stets zuversichtlich, hatten wir doch bereits seit einigen Monaten ein festes Angebot von einer Verschiffungsagentur für den Transport ab Los Angeles in der Tasche.

 

Eine Bedingung für die Verschiffung war es, die Motorräder versandfertig in stabilen Transportkisten zum Hafen zu liefern. Al und Marta halfen uns beim Organisieren der Kisten und wir waren drauf und dran, die Motorräder zu verpacken; doch da fingen die Probleme dann an...

 

Bei der Einreise in die USA hätten wir für die Motorräder Papiere zur temporären Einfuhr erhalten müssen, zumindest verlangte unser Verschiffungsagent diese. Nach Rücksprache mit den Grenzbeamten in Port Angeles, wo wir zuerst einen Fuß auf US-Boden gesetzt hatten, stellte sich heraus, dass die dort nicht wussten wovon wir sprechen. Weitere Telefonate ergaben schließlich, dass ein Export per See- oder Luftfracht aus den USA heraus nur möglich sei, wenn diese auch so eingereist wären. Da wir aber auf eigenen Rädern einreisten, dürfen wir das Land auch nur auf eigenen Rädern wieder verlassen. Hinzu kommt, dass sich bisher noch kein Schiff bereit erklärt hatte, unsere Motorräder überhaupt mitzunehmen. Selbst, wenn das alles geklappt hätte, wären wohl spätestens am Hafen in Valparaiso die Probleme losgegangen. Aufgrund der gegenwärtigen Massenproteste in Chiles Hauptstadt Santiago - aber auch in Valparaiso - hätte es sein können, dass die Motorräder das Schiff bzw. den Hafen so schnell nicht hätten verlassen können.

 

Der Einfluss all dieser Faktoren ließ uns schweren Herzens zum Entschluss kommen, den südamerikanischen Kontinent auf dieser Reise nicht zu besuchen, sondern unsere Reise an einem anderen Ort fortzusetzen. Wir haben somit eine Täuschung enttarnt ohne dabei enttäuscht zu sein, denn neue spannende Länder, Menschen und Kulturen werden uns erwarten und wir freuen uns riesig auf das, was da kommen wird:

 

¡Buenos días México!

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Rosie (Donnerstag, 14 November 2019 07:24)

    Das ist ja wie im "richtigen Leben" : Enttäuschung : das Ende einer Täuschung. Da gibt's nur eins: Tabula rasa und weiter geht's . Es gibt immer eine Alternative : BIENVENIDO A MEXICO!

    GOTT beschützt Euch , Ihr Lieben Stefanie & Lukas !

  • #2

    Helga u. Horst (Donnerstag, 14 November 2019 09:43)

    Enttäuschungen gibt es immer mal im Leben.
    Aber, wie sagt man so schön -
    wenn eine Tür sich schließt, öffnet sich eine andere.
    Habe gerade Mexiko Reisen mit dem Motorrad gegooglet
    auf der Seite ( Krad Vagabunden ) ist die Einreise detailiert beschrieben
    und worauf man achten muss.
    Wir wünschen euch gutes Gelingen und drücken auf jeden Fall beide Daumen
    wir sind in Gedanken immer bei euch.
    Passt auf euch auf, es grüßen aus der Heimat
    O. u. O.




  • #3

    Christiane (Samstag, 16 November 2019 07:39)

    ...es ist schön, wie ihr mit der Situation umgeht, alles andere würde wohl doch eher zu heftigen Frust führen, und das wäre sehr schade. Hut ab für eure Einstellung!!!....grüßt meine Schwester falls ihr sie trefft ;-), sie lebt mit ihrem Mann in Cholula/Puebla, aber wahrscheinlich wird es euch eher nicht in diese Gegend verschlagen :-). In Gedanken sind wir bei euch....

  • #4

    Uwe aus Gö (Samstag, 16 November 2019 14:55)

    Ihr seid sehr flexibel, das ist gut- klappt Plan A nicht kommt Plan B ..... es bleibt spannend ;-)
    Be blessed