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Las Vegas

 

Auf Reisen hat es sich doch als sinnvoll erwiesen, einen groben Plan entworfen zu haben, an den man sich halten kann. Wichtig ist es allerdings, dem Plan nicht zu strikt folgen zu wollen, denn so verpasst man ungeahnte Möglichkeiten und setzt sich selbst auch ganz schön unter Druck. Wie ihr der selbstgemalten Karte auf unserer Homepage unter der Rubrik „Reise“ → „Geplante Route“ entnehmen könnt, war unsere Planung vor der Abreise SEHR grob. Das wollten wir beide so, entschieden wir uns doch bewusst dafür, vor Ort den Ideen der dort lebenden Menschen zu folgen, Wetter und allgemeine Situation zu beachten und uns einfach ein Stück treiben zu lassen.

 

Las Vegas tauchte in der Planung in Zusammenhang mit dem Death Valley jedoch immer wieder auf, liegen die beiden Attraktionen doch recht nahe beieinander. Was wir, als die ruhesuchenden Motorradkatzen, dort wollten, das wussten wir selbst nicht. Dennoch fanden wir die Vorstellung, nach Las Vegas zu fahren, doch irgendwie aufregend und interessant.

 

Doch der Reihe nach! Von Panamint Springs aus, wo wir unsere Freunde Uta und Rossi (Bild rechts unter diesem Absatz) getroffen hatten und außerdem Sven und Carina auf ihren Fahrrädern (Bild links unter diesem Absatz) kennenlernten, beschlossen wir, durch das Death Valley zu fahren. Schon die Vorstellung daran löste ein gewisses Unbehagen aus, da es schon in Panamint Springs, das lediglich auf der anderen Bergseite des Death Valleys lag, außerordentlich warm war. Und wir würden durch das Death Valley hindurch fahren. Schluck. In den dicken, dunklen Motorradklamotten, beladen wie die Esel. Schon vor der Abfahrt entschieden wir, die Attraktionen des Death Valleys zu ignorieren, weil wir 1. keine Lust auf wild fotografierende Menschenansammlungen mit Selfiestick und dicker Spiegelreflex hatten und 2. es nicht einsahen, schon wieder Eintritt bezahlen zu müssen, haben wir doch schon im Yosemite National Park 60 Dollar gelatzt.

 

 

Letztendlich stellte sich das Death Valley für diese Jahreszeit als „erträglich warm“ heraus. Die Attraktionen, die wir links und rechts im Vorbeifahren sahen, wirkten nicht uninteressant, aber da dort jeweils sehr viel los war, waren wir nicht unglücklich darüber, darauf verzichtet zu haben. In einem Ort namens Pahrump bezogen wir einen Campingplatz, auf dem wir uns für zwei Nächte niederließen. Schon in der ersten Nacht begann es, heftig zu stürmen, sodass das Zelt (mit uns drin) gefährlich schwankte und sich in alle Richtungen bewegte. Auch am nächsten Morgen hatte sich der Sturm, der aufgrund der Gegend sandstrumähnliche Ausprägungen aufwies, nicht gelegt, sodass wir in ein Café flohen, von dem wir wussten dass es guten Kaffee, Internet und Steckdosen haben würde. Hier erledigten wir, was man als Reisender eben so zu erledigen hat (Buchführung, Kontoführung, Homepage, neuer Blog, Bilder verwalten, Mails schreiben, …) und verbrachten so viel Zeit wie möglich, weil wir keine Lust auf eine erneute Sandstrahlung draußen hatten.

 

Nach Pahrump zeigte sich, wozu der Wind gekoppelt mit Sand in der Lage war und was er alles angerichtet hatte: Alles war dreckig. Alles. Das Zelt hatte die Farbe von grün und grau-braun-grün gewechselt und die Reißverschlüsse hakten. Der Sand war überall und ließ sich kaum entfernen, weil er scheinbar durch elektrostatische Aufladung an allem klebte. Unsere Ausrüstung schien in kurzer Zeit um Jahre gealtert zu sein. Egal, darum kümmern wir uns später, dachten wir.

 

In Las Vegas fanden wir in der Nähe der Fremont Street ein Motelzimmer, vor dessen Fenstern wir die Motorräder so parken konnten, dass wir sie jederzeit im Blick haben konnten. Schon in Kanada hatten wir übrigens geplant, uns einmal ein Motel zu nehmen, weil wir diese Art von Unterkunft nur aus Filmen kannten und sie unbedingt einmal selbst kennenlernen wollten. Lustig, dass das ausgerechnet für Las Vegas zum ersten Mal klappte. Wir genossen es, ein Zimmer, Steckdosen, ein weiches Bett, Internet und ein eigenes Badezimmer zu haben. Der Clou war es aber für uns, endlich wieder komplett für uns sein zu können. Keine Fragen, keine Motorradgespräche, nichts. Wir konnten endlich einmal wieder nur SEIN. Herrlich.

 

Am kommenden Morgen fuhren wir mit dem Bus direkt zum Strip (wo wir am Tag zuvor schon mit den Motorrädern entlang gefahren und aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen waren) und spazierten auf eigene Faust herum. Waaaahnsinn!!! Der helle Wahnsinn!!! Man hat das Gefühl in einem gigantischen Vergnügungspark mit Themenbereichen zu sein: eine Pyramide, Statuen, Figuren, Wasserfälle, riesige Tore, Nachbauten von New Yorker Sehenswürdigkeiten, eine Achterbahn, Parks, … Wir bewunderten und glotzten uns die Augen rund, schüttelten aber auch immer wieder die Köpfe: Wie kann in der Wüste ohne eigene Wasserquelle so etwas Gigantisches entstehen? Selbst abgesehen davon: Wie kann so etwas grundsätzlich entstehen? Manche Gebäude hatten etwas Märchenhaftes, einen Touch von Disney Land. Wir waren geplättet. Selbst die Fremont Street mit dem sie überdachenden bombastischen LED-Tunnel trieb uns das Staunen ins Gesicht. Die Casinos, in die wir immer wieder verstohlen hineinschielten, wirkten original wie aus Filmsequenzen. Die Bildergalerie soll euch einen Eindruck darüber geben, was wir alles entdeckt haben.

 

 

In Las Vegas merkten wir auch beide, dass wir etwas kränkeln. Wir fühlten uns müde und abgeschlagen, die Nasen kribbelten und die Hälse kratzten. Gerade so schafften wir es bis nach Barstow, mieteten uns wieder in einem Motel ein (kaum teurer als ein Campingplatz, aber man hat viel mehr davon) und zogen uns zurück. Tee wurde getrunken, Reportagen geschaut und insgesamt hatten wir das Gefühl, einmal eine Auszeit vom Reisen zu brauchen. Da sich die Motorräder nicht von selbst nach Südamerika beamen, gibt es Einiges, was bei uns im Hintergrund ständig stattfindet und das wollen wir euch nun vorstellen. Selbstverständlich hatten wir uns bereits in Deutschland darüber informiert, wie die Motorräder verschifft werden, wann sie wo sein müssen, welche Bedingungen gelten etc. Aber ein konkretes Schiff hätten wir damals noch nicht buchen können; wir wussten, dass wir das erst kurz vorher entscheiden können, weil die Verschiffung folgende Fragen mit sich bringt:

An welchem Tag bringen wir die Motorräder zum Hafen?

Woher bekommen wir die Kisten, in denen sie verschifft werden müssen?

Wie kommen die Kisten zum Hafen?

Wo können wir die Kisten packen?

Was muss am Motorrad alles demontiert werden, damit es in die Kiste passt?

Wie verzurren wir es in der Kiste?

Was schicken wir alles mit den Kisten mit, behalten wir das Zelt, die Schlafsäcke?

Wie kommen wir nach Südamerika?

Was machen wir wo drei Wochen ohne die Motorräder?

Wie werden wir unterwegs sein ohne die Motorräder?

Wie funktioniert das mit dem Zoll?

 

Vielleicht klingt das für euch naheliegend und überschaubar in der Planung, ergibt es sich doch aus einer gewissen Logik. Wir aber sagen euch: So ist es nicht, kein bisschen. Die Verschiffung raubt uns den Schlaf und die Nerven und die Erkältungen, die uns immer nach plagen, verbessern die Situation auch nicht. Dass Mails mit Anfragen nach Kisten nicht beantwortet werden, nervt. Die mañana-Kultur, die scheinbar selbst in Kalifornien vorherrscht, nervt. Die Motorräder, welche die obligatorische 20.000 km-Inspektion benötigen, die angeblich nur zwei bis drei Stunden dauert, sind immer noch in der Werkstatt. Und dann hat sich noch herausgestellt, dass wichtige, für die Verschiffung obligatorische Zollpapiere fehlen, die man uns in Port Angeles hätte ausstellen müssen und ohne die wir nicht verschiffen können. Gnahhh!!!

 

Übrigens müssen wir euch noch von Al und Marta erzählen, die wir auf dem Campingplatz bei der Big Lagoon kennengelernt hatten. Für amerikanische Verhältnisse waren sie mit einem eher kleinen Van mit Dachzelt (eine Seltenheit hier) unterwegs und fielen uns durch ihre freundliche und ruhige Art ohne aufgesetzte Phrasen auf. Weil sie mit uns armen stuhllosen Motorradfahrern Mitleid hatten, liehen sie uns ihre Campingstühle, die ihr vielleicht noch vom letzten Bild des ersten USA-Beitrags kennt... Auf jeden Fall luden uns Al und Marta in ihre Winterresidenz in Palm Springs ein, sollten wir dort vorbeifahren. Und tatsächlich: Unser Rückweg von Las Vegas in die Nähe von Los Angeles, von wo aus die Motorräder verschifft werden sollten, führte bei Palm Springs vorbei, perfekt! Al und Marta waren auch so hilfsbereit, dass sie uns ihre Postadresse liehen, damit wir etwas dringend Benötigtes bestellen konnten – sehr nett von den beiden! Letzten Samstag schlugen wir also bei Marta und Al auf. Die beiden zeigten sehr viel Verständnis für die ganzen Dinge, die wir noch zu erledigen hatten und gaben uns viel Freiraum und unterstützten uns bei allem, was wir zu erledigen hatten beziehungsweise immer noch haben.

 

Abgesehen von der Verschiffung ist außerdem zu erledigen:

  • Mails beantworten

  • Bilder von allen fünf Geräten (inkl. Handys) auf den PC ziehen

  • Blog schreiben

  • Ausgabenliste und Kilometerstandliste aktualisieren

  • Motorradinspektion für beide Motos

  • Versetzungsantrag für Stefanie durchdenken, planen und durchführen

  • Zelt, Taschen, Motorräder mit Gartenschlauch abduschen

  • Zelt innen putzen, lose Fäden abschneiden, Reißverschlüsse reinigen und schmieren

  • Tarp säubern

  • Stiefel putzen und fetten

  • Motorradjacken und -hosen waschen

  • Protektorenjacken von Hand waschen und trocknen

  • vier Paar Motorradhandschuhe fetten

  • Endurobrillen reinigen

  • Helmvisiere reinigen (Staub zwischen Visier und Pinlock)

  • Helme reinigen

  • alles, was Strom braucht, aufladen

  • Wäsche waschen

Ihr seht, langweilig kann einem auf einer Reise nicht werden! :) Viele Grüße von den waschenden, putzenden, fettenden, ladenden und reparierenden straymotocats!

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Kommentare: 4
  • #1

    Rosie (Freitag, 08 November 2019 05:39)

    Hallo, Ihr Lieben,

    ToDO-Listen sind ungemein wichtig und hilfreich, um Struktur in Eure Planung für das weitere Vorgehen in Eurer Weltreise zu bringen , wobei der Versetzungsantrag von Stefanie auch sehr zukunftsträchtig ist, denn ohne Moos nichts los, und die Kinder, die von Stefanie unterrichtet werden , können sich schon heute glücklich schätzen !

    Viel Erfolg und Freude beim Abhaken Eurer so hilfreichen ToDo-Liste und vielen herzlichen Dank für Eure tollen Fotos und euren Reisereport .

    Erholt Euch gut und tankt neue Energien für Euer weitere Fortkommen !

    Das wünscht Euch

    herzlichst


    Rosie

  • #2

    Christiane (Samstag, 09 November 2019 18:19)

    ...wir wünschen euch ganz viel Gelingen und Gesundheit...in Gedanken sind wir bei euch :-)

  • #3

    Helga u. Horst (Mittwoch, 13 November 2019 19:38)

    Hallo, ihr streunende Motokatzen, fernab der Heimat.
    Wir hoffen, ihr habt euch wieder etwas erholt.
    Katzen finden immer einen Weg das ersehnde Ziel zu erreichen
    und wir sind uns sicher, daß das euch auch gelingen wird.
    Danke für die schöne Karte.
    Weiterhin gute Fahrt und bleibt gesund.
    Eure Bilder und die Berichte sind wie immer wunderbar. Danke (:-
    Eure O. u. Os. aus der Heimat

  • #4

    Uwe aus Gö (Mittwoch, 13 November 2019 22:56)

    Vielen Dank für eure ausführlichen, interessanten und spannenden Berichte, die tollen Bilder ... da steckt viel Arbeit drin ;-)
    ..... gutes Gelingen in euren weiteren Planung