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Die Wüste

Jeden Meter talwärts wird die Luft wärmer und trockener. Auf immerhin noch 2000 m über dem Meeresspiegel erstreckt sich der Mono Lake. Außenherum nichts als Wüste wirkt dieser See beinahe surreal. Aus dem Wasser erstrecken sich grotesk anmutende Salzskulpturen, die es auch schon ins Booklet eines Pink-Floyd-Albums geschafft haben (wie bereits erwähnt hören wir während der Fahrt oft Musik und kaum jemand könnte einen besseren Soundtrack für diese Gegend liefern als Pink Floyd. Was wir sonst noch gern hören schreiben wir gern mal in die Kommentare. Habt ihr Tipps? Dann her damit!). Die Geschichte des Sees ist leider wie so oft nicht sonderlich erfreulich. In den letzten einhundert Jahren wurde in großen Mengen Wasser des damals noch Süßwassersees abgepumpt, sodass dieser mangels Zuflüssen einen immer niedrigeren Wasserstand aufwies und schließlich zum lebensfeindlichen Salzsee wurde.

 

Der Ort Lee Vining liegt direkt am See und besteht kaum mehr als aus ein paar Häusern. Doch mit einer Tankstelle, einem kleinen Laden und einem Campingplatz mit Duschen erfüllt er für uns alle Kriterien, um mal wieder ein paar Tage an einem Platz zu verweilen.

 

Tagsüber brennt die Sonne erbarmungslos auf uns hinab, doch nachts sinken die Temperaturen auf empfindliche Werte. Sogar das Wasser gefror in den Flaschen und auch das Olivenöl war ein einziger Klotz. Schon etwas komisch, dass unsere in Kanada neu gekauften Schlafsäcke erst jetzt in der Wüste zum ersten Mal beweisen müssen, was in ihnen steckt.

 

 

Wir nutzten die Chance, einmal ohne Gepäck auf unseren eigentlich so leichten Enduros loszuziehen und einfach einmal die kleinen Sand- und Schotterpisten um den See herum abzufahren. Hier in Nordamerika haben wir die Möglichkeit, uns unter relativ sicheren Bedingungen langsam an das Thema Offroadfahren heranzutasten. Obwohl wir das Fahren abseits des Asphalts auf unserer Reise nach wie vor eher als Mittel zum Zweck sehen ist es doch sehr wichtig, dies immer wieder zu üben und sich langsam an die Grenzen heran zu tasten; Spaß macht es natürlich trotzdem!

 

 

Trotz Wüstenlandschaft finden sich immer wieder kleine Nadelwälder. Die Bäume wachsen scheinbar aus dem Wüstenboden und scheinen sehr genügsam zu sein. In Bishop, einer kleinen Stadt entlang der Route 395 stoßen wir auf eine offensichtlich sehr bekannte Bäckerei. Überall tummeln sich Menschen und wir hören, wie fast ausschließlich Deutsch gesprochen wird. Die Bäckerei enttäuscht uns nicht. Eine riesige Auswahl an Gebäck aller Art wird dargeboten und tatsächlich findet sich sogar ein „German Bread“, welches eine willkommene Alternative zum sonst allgegenwärtigen Weißbrot mit der Konsistenz einen Spüllappens darstellt.

 

 

Wir beschlossen, unser Offroadtraining unter realen Bedingungen fortzusetzen und planten am nächsten Tag, für eine Nacht zu den Eureka Sand Dunes zu fahren. 80 km - und die Hälfte davon auf Pisten, deren Beschaffenheit wir nur erahnen konnten. Die Aussage eines 4x4 Pick-Up fahrenden Amerikaners, der unsere beiden offensichtlich geländegängigen Motorräder sieht, ist oftmals optimistischer, aus als es dann in Realität ist. Das ganze Gepäck und genügend Wasser für zwei Tage und notfalls mehr will transportiert und vor allem manövriert werden.

 

Letztendlich stellten wir uns der Herausforderung und wurden zunächst mit einer kleinen Asphaltstraße belohnt, die sich wunderschön über die kargen Berge schlängelte. Die Tatsache, dass uns nicht ein Auto entgegen kam zeigt aber auch, dass der Zustand der Straße sich bald ändern würde. Als sich ein riesengroßes Tal vor uns erstreckte war es dann soweit: Der Asphalt wich und die Piste begann. Am Horizont sah man sie schon, die hohen Sandberge, die unser Tagesziel sein sollten. Doch vorerst hieß es, Zähne zusammenbeißen und durch. Die Piste wechselte ständig von gut befahrbaren festen Schotterpassagen zu losem Geröll und immer wieder Waschbrettanteilen, die uns gehörig durchschüttelten. Zum Kühlen in nasse Handtücher eingewickelte Cola-Dosen halfen uns, kühlen Kopf zu wahren und nach einem kleinen Sandfeld erreichten wir unser Ziel an den Dünen. Ein paar Picknicktische und ein Plumsklo sind die einzigen Anzeichen der Zivilisation. Wir spannten das Tarp um zumindest etwas Schatten zu haben und warteten, bis die Temperaturen sich senkten. Nach und nach trudelten noch andere Fahrzeuge ein, doch alles in allem waren es nur eine Hand voll Menschen an diesem besonderen Ort. Zuerst war es natürlich schade, nicht ganz allein dort zu sein, aber irgendwie gab es auch eine gewisse Sicherheit, von einigen wenigen Menschen umgeben zu sein.

 

 

Eine besondere Erfahrung ist es, die Stille zu genießen und hinzuhören. Wir hörten etwas, was wir auf unserer Reise noch nie gehört hatten – nichts!

 

Die Dämmerung kam und wir bauten das Zelt auf. Plötzlich schrie Stefanie „FLEDERMAUS!“ . Eher fasziniert, sieht man diese Tiere doch eigentlich eher nachts, schaute auch Lukas nach oben. Die Faszination wich jedoch schnell einer gewissen Panik. Das Tier flog hektisch um uns herum und kam immer näher. Knapp über unsere Köpfe und eng um uns herum – das war kein Zufall, das war ein Angriff. Leicht panisch versuchten wir, das aufdringliche Tier auf Distanz zu halten, doch es schien sich nicht daran zu stören und hielt weiter auf Angriffskurs. Wir bewaffneten uns mit Handtüchern und fragen uns, was da gerade passierte. Immer wieder kehrte die Fledermaus zu uns zurück, flog auf uns zu, um uns herum und verzog sich dann aufgrund unserer Abwehr wieder. Unsere Tierliebe musste kurz aussetzen und schließlich kam es, wie es kommen musste. Ein unbeabsichtigter kräftiger Handtuchschlag von Lukas erfasste das Tier versehentlich in der Luft und es stürzte zu unseren Füßen ab. Da lag sie nun. Was für ein hübsches Tier. Ist sie tot? Nein, sie bewegt sich und schaut etwas benommen um sich. Sie töten? Niemals hätten wir das tun können und noch bevor wir uns beraten konnten, hob das zähe Vieh schon wieder ab und setzte an zum nächsten Angriff. Doch scheinbar hatte der Hieb mit dem Handtuch Spuren hinterlassen und sie ließ schließlich von uns ab und flog davon. Etwas argwöhnisch betrachteten wir ihre Artgenossen, die sich zahlreich am Himmel versammelt hatten und sich allerdings nicht für uns, sondern viel mehr fledermaustypisch für die vielen Insekten in der Luft weit über unseren Köpfen interessierten.

 

Die Sonne hatte sich verabschiedet und durch die durch die Abgelegenheit dieses Ortes bedingte vollkommene Finsternis zog uns beim Blick hinauf mit einem gigantischen Sternenhimmel in ihren Bann. Noch nie zuvor gesehene Sterne, ein klar erkennbarer Milchstraßenschimmer und unzählige Sternschnuppen ließen uns nicht mehr los und zeigten aber auch in aller Deutlichkeit, welch winziger Teil im Universum wir Menschen doch sind und wie unbedeutend die kleinen Sorgen des Reisealltags in der Unendlichkeit von Zeit und Raum zu sein scheinen.

 

Um möglichst vor der Mittagshitze wieder Asphalt unter den Rädern zu haben, standen wir am nächsten Morgen besonders früh auf. Ganz ging der Plan jedoch nicht auf, denn zu verlockend war es, zum Sonnenaufgang noch einmal hinauf auf die Dünen zu spazieren um dort das Farbenspiel der ersten Sonnenstrahlen im Wüstensand zu erleben.

 

 

Wie zu erwarten mussten wir natürlich auch wieder zurück und, welch Wunder, die Piste war auch noch da... Trotzdem meisterten wir auch den Rückweg durch das gigantische Tal und bekamen diesmal die Asphaltstraße als Belohnung. Vorbei an unzähligen dinosaurierartig anmutenden Joshua Trees ging es über einen Pass zurück in die Zivilisation. Hinweisschilder warnten uns schon bei den Dünen vor allerlei giftigem Getier und spätestens seit diesem Moment ging das Schlafen auf dem Boden hier mit einem etwas mulmigen Gefühl einher. Um das Ganze noch zu bestärken entpuppte sich eine der Rillen im Asphalt plötzlich als quicklebendig und schlängelte eilig davon. Auch eine handtellergroße Tarantel krabbelte von uns unbeeindruckt durch die ansonsten karge Wüste. Das Ausschütteln unserer Stiefel ist jetzt jedenfalls mehr denn je zum Teil der Morgenroutine geworden.

 

 

Unsere App, auf der man 1. Campingplätze auf Karten suchen kann und 2. Bewertung von echten Gästen lesen kann (original und ungeschönt), verriet uns einen Campingplatz mit Duschen UND Internet (Whuhuuu juhuuuu!) für sagenhafte 10 Euro. Zehn. Für alle, nicht pro Motorrad oder Person oder wie auch immer. In der Hoffnung, dass das auch wirklich stimmen sollte, schlugen wir in Panamint Springs auf. Der Campingplatz glich einer Fata Morgana in der Einöde – außer dem Campingplatz, einer Tankstelle, einem Miniladen in der Tankstelle und einer Bar gab es hier nur Steine, Sand und Wüstenmäuse. Wir freuten uns über die netten und hilfsbereiten Betreiber und schlugen am ersten Abend in einer Affenhitze und warmem, trockenem Wind unser Lager auf. Wir zogen in Betracht, länger als eine Nacht zu bleiben, befürchteten aber, dass uns die Hitze des kommenden Tages bestimmt dahinschmelzen lassen würde. Daher beschlossen wir, die Mittagshitze notfalls in der Bar bei ein, zwei, drei... kühlen Colas (die evtl. in Bier übergehen) zu verbringen und verabredeten uns mit unseren Freunden Uta und Rossi hier. Viel gab es zu erzählen und da die Luft hier so dermaßen trocken ist, musste die Kehle auch ein wenig befeuchtet werden, so viel hatten wir einander zu berichten. Wir freuten uns sehr, unsere Freunde aus dem Norden Deutschlands wiederzusehen, die wir seit über einem Jahr nicht mehr persönlich treffen konnten. Hier lernten wir außerdem zwei sehr offene und freundliche Fahrradfahrer, Carina und Sven aus Deutschland, kennen, mit denen wir uns auf Anhieb sehr gut verstanden. Wie gerne hätten wir mit ihnen die Fahrzeuge getauscht! Aber die Reise mit dem Fahrrad, die ist auch schon fest eingeplant! Da Sven und Carina die gleiche Route wie wir planen, hoffen wir, die beiden wohlbehalten in Chile wiederzutreffen.

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Rosie (Montag, 28 Oktober 2019 07:53)

    Hi, Stefanie & Lukas ,

    ist ja nochmal gut gegangen mit dem Angriff der Fledermaus, die sich weltweit durch die Hitze gestresst verwirrt und irritiert fühlen und zunehmend Menschen attackieren und sogar beissen.

    Als Musik empfehle ich DEUTER und ANDREAS VOLLENWEIDER ,ansonsten muss dass ja ein tolles FEELING sein, durch die Wüste zu heizen . Die ABENDTEUERLUST ist in der Familie HELTZEL,von denen es allein in USA & KANADA über 700 Einträge im Internet gibt , sehr stark verbreitet.

    Kann mir Euren Reisebericht schon als Buch vorstellen !

    LG

    ROSIE

  • #2

    Christiane (Montag, 28 Oktober 2019 19:23)

    Wow, wow und nochmals wow :-)))

  • #3

    Uwe aus Gö (Dienstag, 29 Oktober 2019 09:01)

    "Gigantisch"- the Great Adventure- das große Abenteuer :-) Wüstenlandschaften beeindrucken mich immer sehr - auch die dort lebenden Tiere, die wahre Überlebenskünstler sind-Leopardleguan , Taranteln und co- vielleicht hatte die angriffslustige Fledermaus einen kleinen Sonnenstich ;-)
    ..... Pink Floyd passt 100%, den Soundtrack von
    "The Book of Eli" kann ich da auch empfehlen
    ..... to be continued

  • #4

    Helga u. Horst (Donnerstag, 31 Oktober 2019 14:56)

    Hallo, Stefanie u. Lukas,
    wir sind euch immer auf den Fersen, über Google Earth
    so waren wir schon auf Campingplätzen, am Big Lagoon
    und ihr werdet es nicht glauben, wir stehen gerade vor
    der Bäckerei wo es das deutsche Brot gibt,
    man möchte am liebsten über die Stasse gehen und eintreten.
    Das sieht genau so aus wie auf euerem Foto.
    Wir schauen uns noch ein wenig in der Stadt um
    und fahren mal die Strasse hoch und runter - was alles so möglich ist
    alles Gute und gute Fahrt
    wünschen O. u. O.