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Kalifornien Teil 2

Nachtrag zur Big Lagoon

 

Ganz vergessen zu erzählen haben wir euch, dass es auf dem Campingplatz bei der Big Lagoon Waschbären und Stinktiere gab!!! Eeek! Tatsächlich hatten wir diese Tatsache eher zufällig und nebenbei erfahren, waren aber unendlich froh darüber, das vor der ersten Nacht gewusst zu haben, denn so konnten wir Vorkehrungen treffen. Eine nette Schweizerin, Fran, nahm unseren bis zum Anschlag gefüllten Essensrucksack in der ersten Nacht in ihren Bus, sodass wir keine vierbeinige Gefahr zu befürchten hatten. Im Internet häufen sich die Videos, wie die händisch geschickten und sehr intelligenten Waschbären die eine oder andere Delikatesse aus den Essensvorräten der Menschen entführen. Leider ist es auch hier so, dass viele Menschen auf Campingplätzen zu unvorsichtig sind und die klugen Tiere quasi zu einem kleinen Schmaus einladen, indem sie Vorräte nicht tiersicher verwaren. (Wir denken da auch an Touristen, die in Kanada Bären aus dem Auto heraus füttern... Idioten – sorry.)

 

Dass es nach Einbruch der Dunkelheit so rund gegen würde, hatten wir nicht gedacht. Die Waschbären pilgerten scharenweise über den Campingplatz, saßen auf den Picknicktischen herum, schlichen um unser Zelt und überall knackte es im Gebüsch. Witzig sehen sie definitiv aus, die rundlichen, schwermütig wirkenden Tiere mit der schwarzen Augenbinde und dem geringelten Schwanz. Wir waren dennoch froh, dass auch in der zweiten und dritten Nacht sich ein benachbartes Paar dazu bereit erklärte, unseren Rucksack in ihr Auto aufzunehmen.


 

Nach der Big Lagoon zogen wir weiter in Richtung Süden, um einer in Kanada erhaltenen Einladung zu folgen: In Lakeport erwarteten uns Pat und Wally, ein älteres Ehepaar, die uns auf einem kanadischen Campingplatz entdeckt und zu sich eingeladen hatten.

 

Nachdem wir uns auf dem Campingplatz bei der Big Lagoon abfahrtbereit dick eingepackt hatten (Ihr erinnert euch: Herbst), fuhren wir los und konnten der Wettervorhersage für Lakeport kaum glauben, prophezeite sie doch 29 Grad Celsius dort. Niemals konnte das dort so viel wärmer sein, dachten wir, erinnerten uns aber auch daran, dass Kalifornien in Bezug auf das Klima absolut alles zu bieten hat: warme Küsten, feuchte Wälder, trockene Wüsten und kalte Skigebiete.

 

Dass das Thermometer auf dem Weg nach Lakeport aber solche Sprünge nach oben machen würde, hatten wir nicht erwartet. Auf einem Highway blies uns urplötzlich warme Luft an, als hätte jemand einen Fön auf uns gerichtet. Überrascht fuhren wir weiter, mussten aber doch recht bald anhalten, um die erste Bekleidungsschicht abzulegen. Auch auf der weiteren Fahrt zeigte sich uns Kalifornien freundlich, trocken und warm. Als wir bei Wally und Pat angekommen waren, hatten wir das Gefühl, eine Zeitreise in den bereits vergangenen Sommer unternommen zu haben. Zwar war es nachts deutlich frischer als tagsüber, aber beim Spaziergang in die Stadt am nächsten Tag kamen wir ganz schön ins Schwitzen. Bitte nicht missverstehen: Nach der langen Zeit der Kälte, des Regens und des drohenden Wintereinbruchs in Westkanada und im Nordwesten der USA waren wir froh, endlich in sonnige, warme Gefilde gekommen zu sein. Der plötzliche Wechsel machte uns aber doch etwas zu schaffen.

 

Am ersten Tag in Lakeport stellte uns Wally seinen Freund Frank vor, seinen ehemaligen Arbeitskollegen, der immer noch dort arbeitete, wo Wally vor dem Eintritt in seinen Ruhestand gearbeitet hatte. Frank ist begeisterter Dirt-Bike-Fahrer und nahm uns zur Mittagspause auch gleich mit nach Hause, um uns auf einen Snack einzuladen, uns seiner Frau Michelle vorzustellen und uns seine beträchtliche Dirt-Bike-Sammlung zu zeigen, auf die er mit Fug und Recht stolz sein kann.

 

Bei sämtlichen Gesprächen kamen wir immer wieder auf das Thema San Francisco: Wie gerne hätten wir die verlockende Stadt besucht, wie schwer war es aber auch, dort eine bezahlbare Unterkunft zu finden. Ihr erinnert euch: Ohne sicheren Platz für die Motorräder – machen wir nicht. Wally empfahl uns, die bittere Pille zu schlucken und eben ein Zimmer zu nehmen, wobei das durchaus 200 Dollar kosten könnte. 200 Dollar. Für eine Nacht. Ohne zu wissen, ob die Motorräder sicher stehen würden. Wir arrangierten uns schon mit der Tatsache, dass es tatsächlich nicht möglich sein könnte, San Francisco, die wunderbaren steilen Straßen, die CableCars, die Golden Gate Bridge sehen zu können. Schluck. Eifrig suchten wir nach anderen Möglichkeiten, nach Zimmern bei Privatpersonen, nach Couchsurfing-Angeboten...

 

Doch dann ergab sich Folgendes: Frank, Mr. Dirtbike, schrieb uns, dass er jemanden aufgestöbert hatte, der uns in einer an das südliche San Francisco grenzenden Nachbarstadt aufnehmen würde. Sein Name lautete Vitaly, wir erhielten seine Handynummer und nahmen zugleich Kontakt mit ihm auf. Das war für uns eine neue Erfahrung, denn bisher hatten wir alle Menschen persönlich kennengelernt, die uns zu sich einluden. Wir wussten nichts über Vitaly, dachten aber, dass diese Erfahrung zum Reisen dazugehört und waren froh, doch noch eine Möglichkeit gefunden (oder eher erhalten) zu haben, die Stadt unserer Sehnsüchte (später dazu mehr) besuchen zu können.

 

Doch bevor wir dorthin aufbrachen, verbrachten wir erst einmal eine schöne Zeit mit Wally und Pat, die uns sehr herzlich in ihr Haus aufnahmen und uns ein gemütliches Zimmer mit noch gemütlicherem Bett anboten. Wir schliefen den Schlaf des gerechten Reisenden, wuschen unsere Kleider (mit so wenigen Kleidungsstücken muss man echt haushalten) und kochten für die beiden. Unser spezielles Rezept (übrigens von der lieben Ayse) ist eine vegetarische Lasagne, die aber einen ähnlichen Biss wie ihr nicht-vegetarisches Vorbild hat. Dazu gab es alkoholfreie Mojitos, Salat und als Nachtisch einen leckeren Kuchen von Pat. Wir genossen einen schönen Abend mit den beiden und spielten ein Gesellschaftsspiel, das uns sehr gefiel, weil es Zufall und Berechnung auf eine angenehme Art kombinierte (ergo: Auch der Pechvogel hat mal Glück bzw. durch kluges Kombinieren kann man sich einen Vorteil verschaffen.).

 

Am Tag vor San Francisco, als wir bei Frank waren, sprach er ganz nebenbei und selbstverständlich darüber, wie der Strom abgestellt werden würde. Höh? Wir wurden hellhörig und fragten nach. Aufgrund der starken und andauernden Trockenheit in Kalifornien und der sich ankündigenden starken Winde beschloss der hiesige Energiekonzern, den Strom aus Sicherheitsgründen in vielen von Waldbrand gefährdeten Gebieten abzustellen. Letztes Jahr wurden Waldbrände durch Funkenschlag ausgelöst, weil Stromleitungen durch starke Winde aneinandergeraten waren. Da der Energiekonzern ziemlich an den Pranger gestellt wurde, drohte er damit, bei wiederholter Trockenheit gepaart mit starkem Wind, den Strom vorsorglich abzustellen. Die Einheimischen hier, mit denen wir darüber in Kontakt gekommen sind, waren sich uneinig darüber, ob das auch tatsächlich passieren würde. Als Stefanie in der Nacht jedoch ins Badezimmer schlich, ließ die Dunkelheit im Haus keine Frage mehr aufkommen: Der Strom war aus. Gut, dass wir am Tag zuvor alle Geräte aufgeladen hatten. Am nächsten Morgen erfuhren wir, dass mehrere Hunderttausend Haushalte betroffen waren und der Strom erst in ein paar Tagen wieder angestellt werden sollte. Wann genau das geschehen würde, wusste noch niemand.

 

Der Stromausfall hatte natürlich Auswirkungen auf unsere Reise nach San Francisco: Wir hatten zwar noch etwas Sprit in unseren Tanks, aber nicht unbedingt weltbewegend viel. Wally, seine ihn besuchende Mutter und Pat recherchierten für uns internetlose Wesen, welche Tankstellen geöffnet sein könnten und außerdem half uns Wally noch mit einem Reservekanister Sprit aus, sodass wir erst einmal losfahren konnten. Auch heute war uns das Glück hold, denn wir fanden alsbald eine offene Tankstelle, sodass wir unbesorgt weiterfahren konnten, was uns sehr freute, konnten wir es doch kaum erwarten, die Golden Gate Bridge vom Motorrad aus zu sehen. Wir beschlossen, den Platz zu finden, an dem Lois Pryce (unsere Heldin für diese Reise) ihr Golden-Gate-Bridge-Bild mit Motorrad aufgenommen hatte.

 

Als wir Sausalito durchfuhren sahen wir sie plötzlich und viel früher als erwartet: Die Golden Gate Bridge. Stolz und erhaben spannte sie ihre riesigen Arme über die nach ihr benannte Meerenge. Wow. Sie sah tatsächlich so imposant aus wie in unseren kühnsten Vorstellungen und wir konnten es kaum erwarten, uns ihr zu nähern. Wir fanden drei wunderbare Aussichtpunkte auf der Nordseite der Brücke, die nicht sonderlich überfüllt waren und platzierten die Motos für ein paar hübsche Bilder.

 

Nachdem wir uns mit viel stop and go im ersten bzw. maximal zweiten Gang durch den Stau San Franciscos geschoben hatten und die Ventilatoren der wassergekühlten Motorräder schon wild lüfteten, erreichten wir den ersten steilen Stadthügel, den wir überqueren mussten – selbstverständlich mit mindestens fünf Stoppschildern auf dem Weg nach oben, uff. Mit Vitaly verstanden wir uns auf Anhieb sehr gut und entdeckten viele Gemeinsamkeiten. Er ist in unserem Alter, stammt ursprünglich aus der Ukraine und lebt beruflich bedingt seit einigen Jahren in den USA. Sein Herz gehört allem, was schnell ist, seien es seine zwei Motorräder oder sein Sportwagen. Er gab uns sehr gute Tipps, was wir am Folgetag alles in San Francisco erkunden könnten und nahm uns nach unserem Stadttrip auf eine mehr oder weniger kleine Ausfahrt mit, um uns seine schönsten Fahrrouten zu zeigen.

 

Im Großen und Ganzen entdeckten wir aber San Francisco auf die straymotocatsübliche Art: indem wir den Einheimischen zuhören, unser Vor- und Internetwissen kombinieren und uns im Moment selbst aber spontan entscheiden, wohin wir gehen möchten. Also fuhren wir zunächst mit dem CalTrain in die Stadt hinein und nahmen anschließend einen StreetCar, um am Pier auszusteigen und dort die Gegend zu Fuß zu erkunden. Was wir alles entdeckt haben, könnt ihr den Bildern entnehmen, den das lässt sich kaum in Worte fassen. Wir hoffen nur, dass die Bilder dazu in der Lage sind zu illustrieren, wie unglaublich STEIL die Straßen hier sein können und was das für das Parken von Fahrzeugen bedeuten kann.

 

Insgesamt waren wir sehr froh, über Wally und Frank Vitaly kennengelernt zu haben, mit dem wir viele interessante Gespräche führen konnten. Nur dank ihm waren wir nach Einbruch der Dunkelheit in der Lage, die Golden Gate Bridge bei Nacht noch einmal zu sehen.

 

Thank you so much Wally, Pat, Frank and fast Vitaly for your help!

 

 

Die Düsenjets auf den untereren Bildern, die am gestrigen Freitag eine Flugshow abgezogen haben, schienen übrigens die amerikanische Antwort auf Fridays For Future zu sein...

 

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Kommentare: 8
  • #1

    Michael (Sonntag, 13 Oktober 2019 02:10)

    SUPER, WAHNSINN IHR SEIT IN MEINER TRAUMSTADT
    .......aber diese Stadt lebt auf einem Pulverfass. Da gibt es das 'The Big One' das große Erdbeben
    das alle befürchten. Ich bin kein Geologe, aber zwei Erdplatten schieben aufeinander und es kann zur Apokalypse kommen... 1906 war es schon mal so weit und die Stadt versank in Schutt und Asche.
    Aber in der Gegenwart zeigt ihr alles, was das Touristenherz erfreut.
    Golden Gate Bridge, Cable Car und vieles mehr.....
    ......Stromausfall, Nebel an der G. G B hä?? haben wir alles mitgekriegt.
    Um SF gibt es etliche Konzerne die solch eine Kommunikation erst möglich machen. Viele schimpfen
    darauf, aber Ap..,Goo..,Fac..Mic.. haben ihren Teil dazu beitragen das diese Welt ein Dorf ist....
    ......gesendet auf meinem IPad







  • #2

    Michael (Sonntag, 13 Oktober 2019 02:59)

    ......schön, das Ihr immer so tolle Leute auf Eurer Reise kennenlernt und die Bilder sind der Hammer...
    Urlaubsplanug für nächste Jahr steht schon fest.

  • #3

    Rosie & Jochen (Sonntag, 13 Oktober 2019 03:55)

    WOW!!!!!!!

  • #4

    Uwe aus Gö (Sonntag, 13 Oktober 2019 10:34)

    Absolut Imposant- eure Bilder sagen alles, echt klasse. Sogar Seelöwen fühlen sich offensichtlich wohl in der Großstadt ;-)
    Den Waschbärterror gibt's in Kleinformat auch am Edersee, Einwanderer ;-)

  • #5

    Christiane (Sonntag, 13 Oktober 2019 15:15)

    ...ich bin total geflasht von den Bildern und dem tollen Bericht!!!! Ich freu mich sooooo sehr für euch, für all die tollen Dinge die ihr erleben dürft. Das ist absolut der Hammer, und das kann euch keiner mehr nehmen. Es ist ein absolutes Geschenk, dass ihr immer wieder Leute kennenlernt, die euch Wege öffnen, wo vorher keine waren! Saugt alles auf und erfreut euch an jedem weiteren Tag, auch wenn nicht alle gleich gut sind. Nicht jeder hat den Mut und die Entschlossenheit für so ein Abenteuer! Be blessed, Christiane

  • #6

    Rosie (Montag, 14 Oktober 2019 08:28)

    Liebe Stefanie & lieber Lukas,

    Euer Bericht erinnert mich an das Lied "San Francisco" von Scott Mc Kenzie! Und Stefanie hat sogar eine ROSE auf den Ärmeln! Eure FREUDE schwappt über bis zu uns in unsere Herzen , Ihr seid ein Traumpaar auf Weltreise , seid beschützt bis ans Ende der Welt !

    Eure

    Rosie

  • #7

    Helga u. Horst (Montag, 14 Oktober 2019 19:51)

    San Francisco, was für ein Traum, und Ihr Beide mitten drin.
    Eure Fotos sind der Hammer
    weiterhin gute Fahrt
    Grüsse O. u. O.

  • #8

    Ayse (Sonntag, 24 November 2019 22:36)

    Hallo ihr Süßen!

    Ich freue mich so sehr für euch, dass ihr so interessante, freundliche und noch hilfsbereitere Menschen auf eurer Reise trefft! Die Fotos sind einfach nur "WOW"!

    Grüße aus Verden