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Prärie

Die nächste Großstadt auf unserer Route stellte die Millionenstadt Calgary dar. Winnipeg liegt in der Provinz Manitoba, Calgary in Alberta und beide trennt die Provinz Saskatchewan. Mit durchschnittlich 1,9 Einwohnern pro Quadratkilometer ist Saskatchewan eine der am dünnsten besiedelten Provinzen Kanadas. Zum Vergleich: In Deutschland bewohnen durchschnittlich ca. 232 Menschen einen Quadratkilometer Fläche – wäre Deutschland gleichermaßen dünn besiedelt, würden dort lediglich ca. 700.000 Menschen leben.

 

Vorab wurden wir oft vor der über 1500 km langen und bei den meisten Kanadiern als besonders langweilig geltenden Einöde zwischen beiden Städten gewarnt. Wir planten lange Fahrtage ein, aber hatten keine Lust, die Strecke auf dem vielbefahrenen Vierspurhighway zurückzulegen. Stattdessen wählten wir eine Route durch den Norden, die uns positiv überraschen und für uns zu einem Highlight in Kanada werden sollte, aber seht selbst:

 

 Jede der kanadischen Provinzen hat einen Leitspruch, den das jeweilige Autokennzeichen prägt. So bezeichnet sich beispielsweise Nova Scotia als „Canada's ocean playground“ (zu deutsch etwa: Kanadas Meeresspielplatz) , „Friendly Manitoba“ (freundliches Manitoba) hielt was es versprach und auch Sasketchewan, „Land of the living skies“ (Land der lebenden Himmel), enttäuschte uns nicht. Das Wetter war uns wohlgesonnen und das 360 Grad Himmelspanorama bildete die beeindruckendsten Wolkenformationen. Kunstvollen Gemälden gleich spielten die Wolken ihren spektakulären Endlosfilm über und um uns herum ab, während die Landschaft Stunde um Stunde an uns vorbeirauschte.

 

Landschaftlich erinnert die Gegend zuerst an eine Mischung aus Norddeutschland und dem wilden Westen, wie man ihn aus Filmen kennt: weite Landschaften mit endlosen Ebenen und manchmal sanften Hügeln, wobei hier in erster Linie die Landwirtschaft dominiert. Getreideanbau mit Feldern bis zum Horizont, Riesige Silos und gigantisch anmutende Mähdrescher, Traktoren und immer wieder die Canadian-Pazifik Eisenbahn mit ihren scheinbar endlos langen Güterzügen, die uns auch nachts durch ihr lautes Tuten so manches Mal senkrecht im Zelt stehen ließen.

 

 Ein kleines bisschen können wir sie jetzt verstehen, die ganzen Harleyfahrer, die ihren nordamerikanischen Traum im Geradeausfahren suchen und dabei von Freiheit auf der Straße schwärmen. Schier endlos fühlt sich dieser Planet an und mit der richtigen Musik im Helm bekommt die Fahrt ihren eigenen Soundtrack. Unser Kommunikationssystem am Helm ermöglicht es, zusätzlich zum Sprechen während der Fahrt, auch Musik abzuspielen.

 

 

 Auf diesen Distanzen mussten auch die Tankstopps geplant werden. Zwar ermöglichen unsere 13-l-Tanks eine theoretische Reichweite von bis zu 400 km, aber wir bekamen schnell zu spüren, dass Theorie und Praxis auch hier mal wieder zwei paar Schuhe sind. Gegenwind, der unsere 25 Pferdchen auch bei Vollgas nicht schneller als 90 km/h galoppieren ließen, trieben den Verbrauch von 3,5 auf fast 5 Liter und somit musste der Tank bereits nach 250 km wieder aufgefüllt werden. Selten vergeht ein Tankstopp, ohne dass wir auf unsere Kennzeichen angesprochen werden: „Where do you come from? The D stands for Denmark?“. Nein wir sind nicht aus Dänemark! Aber natürlich verwirrt es, dass Germany ein D statt ein G auf dem Kennzeichen trägt. Das alles setzt aber voraus, dass man überhaupt um die Existenz des Landes weiß. So begegneten wir an einer Tankstelle im Nirgendwo einem Mann, der weder Deutschland noch Germany kannte und erst beim Stichwort Europe freundlich kopfschüttelnd davonlief und scheinbar kaum glauben konnte, dass jemand von so weit weg jetzt hier vor ihm steht.

 

 So einödig die immergleiche Graslandschaft auch wirken mag, so abwechslungsreich kann sie auch sein. Mal topfeben, mal hüglig geschwungen und dann wieder voller sumpfiger Tümpel. Am letzten Fahrtag, wenige hundert Kilometer vor Calgary, ändere sich die Landschaft um uns herum schlagartig. Wo die Straße eben noch scheinbar endlos über die Ebene führte ging es im nächsten Moment bergab. Über mehrere Kurven durch eine Art Canyon schlängelt sich der Highway bis in das Örtchen namens Drumheller. Plötzlich fühlten wir uns in der Zeit zurückversetzt, nein, nicht in den wilden Westen, sondern noch viel weiter... Prähistorische Wesen an jeder Ecke. Überall finden sich die Skulpturen von vor Jahrmillionen ausgestorbener Lebensformen.

Ein weiteres Highlight für uns stellte die erste Filiale unserer favorisierten Kaffeehauskette seit einigen hundert Kilometern dar. Völlig durchgefroren wärmten wir uns bei Kaffee und Keksen. Dass wir auffallen ist nichts Neues. Selbst mit kanadischen Kennzeichen würden wir das, angesprochen werden wir auch hin und wieder, aber dass man uns gleich zu sich nach Hause einlädt, das kommt doch eher selten vor. Eine Gruppe älterer Männer interessierte sich sehr für unsere Tour und einer davon stellte sich als Garnet vor und lud uns gleich mal zu sich nach Hause in den Rocky Mountains ein.

 

Für uns hieß es erst einmal Regensachen an und weiterfahren. Anfang September kann auch schon mal Schnee liegen, keine guten Aussichten für die Querung eines Hochgebirges. Nass und bei Einbruch der Dunkelheit erreichten wir Calgary und da ein Zimmer nur unwesentlich teurer als der örtliche Campingplatz war, entschieden wir uns für den Luxus, mal wieder ein paar Wände um uns herum zu haben. Die Großstadt erwies sich für uns insofern als nützlich, als dass wir uns endlich wunderbar warme Schlafsäcke und neue Regenhosen kaufen konnten (die bisherigen, allesamt hochpreisige deutsche Markenprodukte, hatten leider bereits nach wenigen Wochen kläglich versagt...).

 

Was aus der Einladung in die Rockies geworden ist, erfahrt ihr demnächst!

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Kommentare: 3
  • #1

    Christiane (Donnerstag, 19 September 2019 19:18)

    Hi ihr zwei, ist ja wieder sehr beeindruckend was ihr schreibt und zeigt! Das man von Deutschland noch nie gehört haben soll, zumindest in der westlichen Welt, find ich schon schräg. Die weite Landschaft und der weite Himmel würden mich bestimmt sehr begeistern, da es die Unendlichkeit des Universums erahnen lässt :-)...bin gespannt wie euch die Rockys gefallen werden. Liebste Grüße aus Good old Germany.

  • #2

    Uwe aus Gö (Donnerstag, 19 September 2019)

    "Unendliche Weiten" .... nicht nur im Weltall mit der Enterprise - das hat was. Kamera funkt ja wieder, da gibt's weiter schöne Bilder.
    Die Praxis ist die harte Probe was taugt- was nicht ..... gut, dass ihr euch noch gegen härteres Wetter wappnen könnt. Vielen Dank für die interessanten Infos und weiterhin gute Fahrt.
    Viele Grüße

  • #3

    Michael (Samstag, 21 September 2019 09:49)

    .......good Morning British Columbia
    Ein endloser Roadtrip, riesiger Wolkenhimmel in 3D und Ihr mittendrin, gegen die Naturgewalten
    ankämpfend. HOLLYWOOD hätte es nicht besser inszeniert.
    Viele Siedler und Abenteurer haben ihr Glück gen Westen gesucht, Ihr macht einen Klamottentest daraus. Stiftung Warentest hätte Euch sicher gesponsert.

    Freu mich schon auf den Rocky Mountains Blog, da wird zwischen bibbern und Faszination alles bei sein
    .....und die Bären werden größer !!!