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Ab durch die Mitte!

Der schier unendliche See endet für uns mit der größten Stadt seit Ottawa - Thunder Bay. Eine Handelsstadt am Lake Superior, nicht besonders hübsch, aber deswegen sind wir auch nicht hier. Stefanies Kamera ist beim Belichten des gigantischen Sternenhimmels über dem Lake Superior in den feinen Sand gefallen und muss repariert werden. Leider kann man uns vorerst nicht weiterhelfen, verweist uns aber auf eine Firma in Winnipeg, der nächsten großen Stadt auf unserer Route.

Einen tragischen Meilenstein stellte Thunder Bay übrigens im Jahre 1980 für Kanadas Nationalhelden Terry Fox dar. Durch eine Krebserkrankung verlor er im jugendlichen Alter ein Bein und fasste den Entschluss, ganz Kanada joggend (einbeinig mit Prothese) zu durchqueren. Er startete in Neufundland und legte täglich eine Marathondistanz (ca. 42 km) zurück! Nach vielen tausend Kilometern, in Thunder Bay, holte ihn seine Krankheit ein und er sollte sein Ziel, die Pazifikküste, nie erreichen. Dennoch konnte er durch seine Aktion viele Millionen Dollar sammeln, die ihm in Form von Spenden für Krebskranke zuflossen. Auch heute, fast vierzig Jahre später, erinnern immer wieder Tafeln am Trans Canadian Highway an Kanadas Nationalhelden. Die letzten 100 km vor Thunder Bay tragen als „Terry Fox Courage Highway“ sogar offiziell seinen Namen und enden mit einem eigenen Rastplatz mit Gedenktafeln und Monument.

In Thunder Bay landeten wir auf einem Campingplatz mit eher ungewöhnlichem Anhängsel, einem Freilichtmuseum, das die Geschichte der Pelzhändler im ausgehenden 19. Jahrhundert erzählt. Sehr liebevoll wurden hier mit sicherlich viel Arbeit und Detailgenauigkeit die Gebäude aus vergangenen Zeiten aufgebaut, welche den Besucher auf fast magische Weise in eine längst vergangene Zeit versetzen. Das lag zum einen daran, dass die Mitarbeiter dort passend zur damaligen Zeit gekleidet waren und – außer im Toilettenhäuschen – keine Merkmale der Neuzeit vorhanden waren (okay, vielleicht die Beschilderungen, wo was ist...). Sogar Kanonenschüsse wurden abgefeuert! Viele originale und authentisch nachgebaute Paddelboote aus Birkenrinde waren vorhanden. Die Mitarbeiter waren geschichtlich sehr breit informiert und konnten alle Fragen der Besucher (wir waren in einer Gruppe unterwegs) anschaulich und ausführlich beantworten. Für uns war es eine wunderbare Möglichkeit, in die Geschichte Kanadas einzutauchen und uns einen Tag lang auf spannende Weise zu informieren.

Auf dem Weg von Atikokan nach Dryden entdeckten wir auf der Karte einen kleinen, wohl ungeteerten Weg, der keinen Umweg, sondern wohl einfach eine Alternative zum herkömmlichen Weg darstellen musste. Wir entschlossen uns, nach vielen Kilometern auf geteertem Highway, den interessant wirkenden Highway 622 (komisch, hier heißt alles Highway....) zu fahren. Er führte durch ein Minengebiet, das man zwar problemlos durchfahren durfte, jedoch auf eigene Gefahr. Das hinterlasst schon so ein gewisses Gefühl... Die Landschaft war atemberaubend und wir hatten zum ersten Mal wirklich das Gefühl, alleine zu sein mit der Natur, fernab von geräuschvollen Straßen. Der lose Schotter, der sich in unregelmäßigen Bahnen über die Fahrbahn zog, regelmäßige Löcher und Unebenheiten und so manches Wellblech machten das Fahren zur echten Herausforderung. Die Hondas röchelten und lüfteten, was das Zeug hielt, denn auch für sie war diese Etappe eine erste echte Herausforderung. Als wir um eine Kurve fuhren, da! Auf einmal hoppelte ein großes, dunkles Hinterteil, etwa im Ausmaß eines großen Hundes, panisch den Weg entlang und flüchte in die Büsche. Ein Bär. Ein JUNGER Bär. Und wie man weiß, ist bei jungen Bären die Mama nicht weit, die alles tun würde, um ihren Sprössling zu beschützen. Das hieß für uns, nachdem wir den Moment der Überraschung überwunden hatten: wilde Flucht. Nicht anhalten, dafür aber rhythmisch laut hupend weiterfahren. An dieser Stelle sei euch der Bärenblog, der einen eigenen Beitrag verdient, ans Herz gelegt (siehe hier).

Immer wieder wurden wir von Freunden und Bekannten, die unsere Homepage verfolgen bzw. uns privat schrieben, auf das wunderbare Wetter in Kanada angesprochen. Dass das Wetter nicht immer auf unserer Seite ist und wir euch eher die Sonnen- als die Schattentage in Kanada zeigen, liegt – denken wir – auf der Hand. Aber tatsächlich hatten wir die ersten vier Wochen unwahrscheinliches Glück mit dem Wetter und den Temperaturen. Zwischen Québec, Montréal und Ottawa war es ausgesprochen heiß, zuweilen sogar drückend und die Sonne brannte hin und wieder ganz ordentlich vom Himmel. So konnten wir auch immer von Hand waschen und unsere Wäschestücke ganz bequem trocknen. Kurze Regenphasen konnten wir mit unserer Motorradregenkleidung auch gut aushalten. In der letzten Zeit hingegen lässt sich nicht leugnen, dass es langsam aber sicher Herbst wird beziehungsweise schon geworden ist: Nachts hatten wir immer wieder Temperaturen im einstelligen Plus-Bereich und auch tagsüber war es schon vergleichsweise frisch. Den Kältetiefpunkt erlebten wir in Winnipeg, in der Stadt, die wir zur Kamerareparatur auserkoren hatten. Es war regnerisch bis regenreich, der Wind pfiff uns kräftig um die Ohren und es war zum ersten Mal an der Zeit, sich dick einzupacken und – gefühlt verpackt wie ein internationales Postpaket – in mehreren Schichten auf das Motorrad zu klettern.

Aber zu Winnipeg gibt es noch mehr zu sagen! Hier war es endlich möglich, Stefanies verunfallte Kamera reparieren zu lassen. Ein freundlicher Kameraladen teilte uns mit, wo der König der Reparatur persönlich sein Ladengeschäft hat und wir fuhren hin. Nachdem Stefanie ihm das Ausmaß des Problems (Kamera! Neu! Sand! Eeeek!) erklärt hatte, meinte er, dass ihre Kamera die 101. zu reparierende sei. Mit dem Kinn deutete er in eine Ecke auf der Ladenfläche, in der sich in einer Kiste tatsächlich eine riesige Menge Kameras tummelten. Großartiger Weise verstand er aber, dass es uns schwierig werden würde, zwei Wochen auf die Reparatur zu warten (und verwies auf den Herbst, baldigen Winter, der schon vor der Tür steht) und beschloss, sich gleich am Folgetag des Problems anzunehmen. Und in der Tat: Bereits am nächsten Morgen konnte Stefanie ihre reparierte und problemlos funktionierende Kamera entgegen nehmen. Was für ein Glück, dass uns der Ladenbesitzer so wohlgesonnen war.

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Rosie und Jochen (Donnerstag, 12 September 2019 05:25)

    Hi, Ihr beiden straymotocats,
    ein toller Reisebericht, informativ, sehenswert, spannend und romantisch mit sehr schönen Fotos, einfach ganz große Klasse! Wir sind dankbar, dass wir Euren super gestalteten Blog miterleben dürfen und freuen uns für Euch , liebe Stefanie und lieber Lukas, dass Ihr den Mut habt, Euren Traum zu leben ! Alles Gute weiterhin auf Eurer Abenteuerreise wünschen Euch

    herzlichst

    Rosie & Jochen ( glückliche Rentner)

  • #2

    Helga und Horst (Donnerstag, 12 September 2019 20:03)

    Hallo, Ihr Beiden Weltenbummler
    Jetzt habt Ihr ja bald Kanada durchquert
    und es wird zusehends kälter. Wir hoffen ,
    dass euch der Winter nicht zu früh einholt.
    Mit viel Spannung lesen wir Eure Berichte
    die uns wie immer aufs neue fesseln.
    Besuch hattet Ihr auch schon in Eurem Zelt.
    War es das A Hörnchen oder das B Hörnchen?
    Liebe Grüsse O. u. O.

  • #3

    Michael (Sonntag, 15 September 2019 10:27)

    ......good Morning Alberta...... schön das die Kamera wieder funktioniert, ist ja doch ein wichtiges
    Werkzeug auf so einer Reise. Geschichten über Geschichte ist immer interessant und spannend.
    Ein kleiner Bär auf einem dreistelligen "Highway" macht aus einer Reise ein Abenteuer ;-)
    ........ist mir in einem anderen Blog schon mal aufgefallen: Wie schafft man es, das die Motorräder
    immer sauber aussehen wie in einem HONDA-Werbeprospekt ????
    Gruß aus der Heimat Michael und Silvia

  • #4

    Beate (Sonntag, 15 September 2019 11:40)

    Gut, dass die Kamera wieder repariert ist. Ich hätte eure herrlichen Fotos echt vermisst. Ich wünsche euch weiterhin eine gute Reise ohne Frostbeulen und Mückenstiche. Freue mich schon auf euren nächsten Eintrag.