Kanada wie es im Buche steht

Unser erster Fahrtag führte uns die Küste entlang in Richtung Norden. Es fühlt sich gut - geradezu surreal - an, keinen Zeitdruck mehr zu haben und sich einfach mal treiben lassen zu können. Unsere drei größten Sorgen lauten fortan: 1. Wo schlafen wir heute Nacht? 2. Was essen und trinken wir und vor allem wo bekommen wir es her? 3. Wo ist die nächste Tankstelle?

 

Alles in allem sehr handfeste Probleme, die sich in der Regel leicht lösen lassen und uns dabei immer wieder zeigen, was im Leben wirklich wichtig ist.

 

Kaum zu glauben, aber all unser Krempel passt tatsächlich auf die Motorräder. Bis alles seinen Platz gefunden haben wird und wir es blind finden, werden sicherlich noch einige Wochen vergehen aber so etwas entwickelt sich auf Reisen. Bei unseren bisherigen Urlaubstouren war dies immer dann der Fall, wenn wir schon auf dem Rückweg waren, doch diesmal geht es weiter.

 

Dennoch haben wir bei der Materialauswahl scheinbar vieles richtig gemacht, denn bisher haben wir kaum Gegenstände entdecken können, die wir als überflüssig erachten. Einzig die Erkenntnis, dass ein deutscher 220 V Reiseföhn auch mit Adapter bei Kanadischen 110 V nur halb so schnell läuft hat uns dann doch überrascht. Im Nachhinein logisch, aber man kann ja nicht an alles denken. Wir werden uns einfach hier einen passenden Haartrockner zulegen.

 

 

Nach wenigen Kilometern verließen wir Halifax und fuhren entlang einer wunderschönen Küstenstraße. Der erste Regen ließ nicht lange auf sich warten, aber mit passender Kleidung ist das natürlich kein Problem. Nach ca. 100 km (anders als in den USA gibt es hier km und keine Meilen) fanden wir einen wunderschönen Campingplatz. Schon lange hatten wir beschlossen, dass wir erst einmal etwas Urlaub machen wollen, bevor es richtig losgeht. Die Zeitverschiebung hat uns etwas mitgenommen und wir brauchten einfach etwas Ruhe vom Stress der letzten Wochen und Monate. Dieser Platz hier ist wie dafür gemacht und somit haben wir uns eine kleine Holzhütte direkt am Meer gemietet. In der kleinen Hütte ist nicht viel mehr als ein Bett vorhanden, aber was sie so besonders macht, ist ihre Lage. Über einen kleinen Trampelpfad ca. 100m vom Campingplatz entfernt steht unser Hüttchen in einem kleinen Waldstück, das wiederum an einer steinigen Böschung im Atlantik endet. Die Besitzer, Kim und Werner, wohnen selbst hier und haben diesen wundervollen Platz erschaffen. Nachdem am Montag nahezu alle anderen Gäste abgereist sind, wohnen wir fast alleine auf dem riesigen Platz.

 

An die Preise hier in Kanada werden wir uns erst noch gewöhnen müssen und für das was unsere drei Nächte hier kosten, hätten wir sicherlich auch ein Hotelzimmer bekommen, aber die Ruhe und die Eindrücke hier sind unbezahlbar.

 

Unser erster Tag bestand aus Ausschlafen und Einkaufen. Einkaufen heißt hier erst einmal 30 km fahren und läuft meist wie folgt ab: Einer von uns geht in den Laden und einer bewacht die Motorräder, beantwortet die vielen Fragen neugieriger Kanadier und vertreibt sich die Zeit mit Routenplanung etc. Im Laden gilt es dann, zwischen all den fettigen und süßen Verlockungen die gesunden Sachen zu finden. Wie so oft sind natürlich gerade die frischen Lebensmittel besonders hochpreisig und der ungesunde Fertigfraß verhältnismäßig billig. Mittlerweile kennen wir aber schon die Eigenmarken, die Angebote und haben einen guten Weg gefunden, uns frisch und lecker zu ernähren. (Natürlich gibt es Ausnahmen und der Schmelzkäse aus dem Glas wird über kurz oder lang auch mal bei uns im Körbchen landen.) Einzig die angebotenen Verpackungsgrößen harmonieren nicht wirklich mit unseren Möglichkeiten der Gepäckmitnahme. Ein bisschen XXL schwappte wohl doch von den USA hinauf in den nordamerikanischen Norden.

 

Ein Feierabendbier erfährt hier eine ganz andere Wertschätzung als in Deutschland. Bei Preisen von ca. 3 Euro für eine 0,5 L Dose, nur erhältlich in speziellen Licour-Stores war es eine wirklich freundliche Geste, als uns Kim und Werner mit den Worten „Enjoy!“ zwei eiskalte Biere in die Hand drückten.

 

Um wirklich jedes Kanada-Klischee zu erfüllen, hat jede Hütte eine Feuerschale und es scheint völlig normal zu sein, jeden Abend ein kleines Feuer zu entfachen. So lässt es sich leben, aber alles hat ja bekanntlich einen Haken und hier sind es die Mücken. Sobald der Wind nachlässt kommen sie und fressen uns auf. Doch auch davon lassen sich die Kanadier nicht ärgern, sondern sprühen sich mit mit einer Substanz namens „OFF!“, einem sehr wirksamen Mückenabwehrspray, ein. Seit wir es ihnen gleichtun, ist es um einiges erträglicher geworden. Scheinbar hatte Werner Mitleid mit uns. Er montierte ein Moskitonetz an unsere Tür und schenkte uns eine Salbe gegen die mittlerweile stattlich angeschwollenen Stiche.

 

Generell ist es erstaunlich, wie gastfreundlich und offen die Kanadier sind. Niemand scheint gestresst oder genervt zu sein. Ausnahmslos jeder war freundlich zu uns und unsere deutschen Kennzeichen fallen immer wieder auf. Wobei wir nicht sicher sind, was hier auffälliger ist: 250 ccm Motorräder mit Gepäck oder die deutschen Kennzeichen. Geradezu mitleidig reagieren die Kanadier mit ihren riesigen Pick-Ups, wenn wir ihnen von unseren Reiseplänen erzählen...

 

Morgen geht es weiter in Richtung Westen. Unser erstes Ziel in ca. 1200 km wird Montreal sein und bis dahin werden wir es weiterhin ruhig angehen lassen. Mal auf einem Campground und mal wild im Wald. Wir lassen uns überraschen.

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Helg u. Horst (Mittwoch, 07 August 2019 13:40)

    Ihr könnt so spannend schreiben, wir verschlingen Eure Berichte förmlich und sind sehr gespannt wie es weitergeht. Das mit den Mücken kennen wir von unserer Fahrt mit dem Wohnmobil durch Lappland. LG aus Einbeck

  • #2

    Christiane (Mittwoch, 07 August 2019 20:28)

    Wie schööööön....die Hütte mit der Lage spricht mich sehr an, trotz der Mücken. Danke für euer treues berichten, es macht soviel Spaß so mit euch unterwegs zu sein�

  • #3

    Beate (Mittwoch, 07 August 2019 21:11)

    Wow, ich bin total beeindruckt. Es ist wie mit einem spannenden Buch: Ich kann es kaum erwarten, euren nächsten Bericht zu lesen und die vielen schönen Fotos zu betrachten. Da packt einen selbst das Reisefieber.